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Auf zwei Minuten

Vor einem goldenen Hintergrund

Auch der Mensch hat als Gnadengeschenk Anteil am göttlichen Licht unds Glanz

Pater Damian

Auf vielen Bildern der Gotik blickt uns ein Antlitz an, dass auf goldenem Hintergrund gemalt ist. So ist es auch oft bei Ikonen. Der Goldhintergrund hat eine besondere symbolische Aussage: "Das Gold galt als das Metall der Leben schaffenden und alles beherrschenden Sonne. Wie diese reflektiert es nicht Licht, sondern ist selber Licht und unerschöpflicher Glanz. Gold repräsentiert also göttlichen Lichtglanz und Gotteswirklichkeit. Licht des Goldes ist damit als ein unstoffliches, abstraktes Licht ausgewiesen. Es ist ein Licht, das nicht von dieser Welt ist, sondern das Leuchten des Göttlichen in diese Welt hinein bedeutet. Wie Gott als das unerschaffene Licht verstanden wird, so das Gold als dessen irdischer Reflex." (Helmut Fischer)

Die Maler dieser Bilder bringen das Eigentliche des Menschen, das Individuelle, und Charakteristische wie es auf einem Porträt -gemalt oder fotografiert -dargestellt ist, nicht zum Ausdruck. Durch das Gold überglänzt ein Widerschein der göttlichen Herrlichkeit das menschliche Gesicht. Die Größe und das Geheimnis des Menschen werden hier so dargestellt, dass das Leben des Menschen auf die Glorie Gottes bezogen ist. Der Mensch ist vergänglich und dem Tode unterworfen. Die Goldfläche aber steht für das, was jenseits von Raum und Zeit ist: das Unbegrenzte, das Zeitlose, das Transzendente. So wird angedeutet: Auch der Mensch hat als Gnadengeschenk teil am göttlichen Licht und Glanz und übersteigt sich so selbst über Raum und Zeit hinaus.

Es gibt auch Bilder, auf denen die Welt als goldene Kugel in der Hand des Herrn dargestellt wird. Man hat damit sicherlich nicht sagen wollen, die Welt sei "goldig", alles sei schön und ohne Probleme. Nein, auch die Alten wussten sehr wohl, dass die Welt ein Tal der Tränen und ein Jammertal voller Leid und Tod ist. Was wollte man damit dann sagen? Wie hart das Leben und wie grausam die Welt sein mag, sie ruht doch in der Hand Gottes, der sie führt und zum Ziele führt.

Für uns sind diese Darstellungen der alten Kunst eine große Herausforderung an unseren Glauben. Mehr als die Alten wissen wir um die ungeheure zerstörerische Macht des Menschen, die sich durch die Geschichte hindurch zeigt. Wir sind über den Zustand der Welt besser und umfassender informiert als sie. Man braucht Glaubensmut und große Zuversicht zu beten: "Herr, ich glaube an den goldenen Hintergrund des Menschen und der Welt, ich glaube, dass du meine Zukunft bist und einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen wirst."

Pater Damian Meyer

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 47 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Montag, 24.11.2003

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