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Auf zwei Minuten

Religion ist keine Privatsache

von Pater Damian

Pater Damian Meyer Im christlichen Altertum, zur Zeit der großen theologischen Auseinandersetzungen um die Person Christi, sollen die Leute auf dem Marktplatz - so wird berichtet - über die Frage diskutiert haben: Wie kann Jesus Christus wahrer Gott und wahrer Mensch sein? Können wir uns ein solches Thema in einer Stammtischrunde heute vorstellen? Auch wir haben natürlich Schwierigkeiten mit manchen Glaubenswahrheiten und sind uns gar nicht so einig, wie wir meinen. Aber meistens werden solche Probleme gar nicht ausdiskutiert. Man ist doch als moderner Mensch aufgeklärt und tolerant: Soll doch jeder seine Privatlösung treffen! Soll doch jeder für sich sehen, wie er es mit dem Glauben hält! Warum eigentlich darüber reden!
Warum wird so wenig über Glaubensfragen geredet? Weil die vorherrschende Meinung lautet: Religion ist Privatsache! Statt Gespräch und Auseinandersetzung gibt es dann nur ein tödliches Schweigen. Einerseits ist Religion und Glaube ja eine ganz persönliche Angelegenheit. Keiner kann mir meine eigene Glaubensentscheidung abnehmen, kein Papst, kein Bischof, nicht die Familie. Aber das bedeutet doch nicht, Glaube sei Privatsache. Im Gegenteil! Wenn für mich Glaube lebenswichtig ist, dann möchte ich ihn anderen mitteilen, zur Sprache bringen, möchte andere teilnehmen lassen an meinen Glaubenserfahrungen.
Hinter dem Wort Toleranz steckt oft die Haltung des Desinteresses und der Gleichgültigkeit gegenüber dem Nächsten: "Ist doch egal, was der glaubt!" Was wir Pfingsten feiern, widerspricht dieser Einstellung. Pfingsten geschieht die Mitteilung des Heiligen Geistes, der Beziehung der Liebe und Kommunikation ist. Pfingsten wird der Glaube öffentlich, denn es ist der Geburtstag der Kirche, der Gemeinschaft der Glaubenden. Die Wahrheit über Jesus Christus wird mit Freimut verkündet. Unterdrückte Wahrheit und Verschweigen, verschleiernde Toleranz schaffen keine Einheit und keinen dauernden Frieden. Der Heilige Geist schafft eine neue Sprache, so dass man sich gegenseitig verstehen kann. Er schafft Einheit in Vielfalt.

"Der Heilige Geist ist Beziehung, und zwar so, dass er die Differenz derer, die zueinander in Beziehung treten, nicht aufhebt, sondern wahrt. Der Heilige Geist ist nur da, wo die Andersheit des Anderen anerkannt wird - was nicht heißt, dass sie nicht befragt und herausgefordert werden darf. Wenn wir wirklich ,katholisch' wären - im Sinne zum Beispiel der ersten Jahrhunderte -, würden wir unsere Einsichten aufeinanderprallen lassen, würden ,streiten' können ,im Heiligen Geist'. Es würde ,funken' zwischen uns. Es wäre Leben in der Kirche" (Karl-Heinz Menke).

Pater Damian Meyer

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 22 des 51. Jahrgangs (im Jahr 2001).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 31.05.2001

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