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Bistum Magdeburg

Man muss auf die Menschen zugehen

Seelsorge aus Sicht einer langjährigen Ordensfrau und Gemeindereferentin

Schwester Uta Bittner: Wir dürfen keinen Menschen aufgeben.

An diesem Sonntag wird mit Schwester Uta Bittner die bis auf Weiteres letzte Ordensfrau aus der Pfarrgemeinde St. Bonifatius in Bernburg verabschiedet. Damit geht eine Ära zu Ende, in der über 62 Jahre hinweg Frauen der Kongregation der Armen Schulschwestern von unserer Lieben Frau und vorher seit 1925 Hildegardis-Schwestern seelsorglich in der Saalestadt tätig waren. Schwester Uta war zugleich die letzte Ordensfrau ihrer Kongregation im Bistum Magdeburg. Vor Jahren waren Arme Schulschwestern etwa auch in Torgau und Delitzsch, Magdeburg und Gröningen im Einsatz. Schwester Uta wird künftig im Provinzmutterhaus der Gemeinschaft in Berlin-Marienfelde tätig sein. Mit Cornelia Pickel übernimmt nun eine Gemeindereferentin mit Familie den Dienst. Der TAG DES HERRN sprach mit Schwester Uta Bittner über ihre langjährigen Erfahrungen in der Seelsorge.

Frage: Schwester Uta, im kommenden Jahr wäre es 30 Jahre her, dass Sie in Bernburg mit Ihrem seelsorglichen Dienst begonnen haben. Vorher waren Sie in Dreilützow und Delitzsch in Kinderheimen tätig. Gibt es so etwas wie einen roten Faden, der sich über die Jahre durch Ihren vielfältigen Dienst zieht?

Schwester Uta: Ich habe mich immer gemüht, im Kontakt mit den Menschen zu sein. Man muss auf die Menschen zugehen, wenn man es gut mit ihnen meint, nicht warten, dass sie zu einem kommen.

Frage: Ihr vorrangig seelsorglicher Dienst in Bernburg war immer auch ein praktisch-karitativer Einsatz für Alte, Kranke, Arme und sogar Obdachlose, Asylbewerber, Russlanddeutsche und für Menschen in Weißrussland. Warum?

Schwester Uta: Den Menschen die frohe Botschaft von Gottes Liebe zu verkünden lässt sich nicht trennen von der Sorge um ihr alltägliches Leben -das hat die Kirche immer so gehalten. Wenn man Menschen in ihren Alltagssorgen beizustehen versucht, öffnen sie auch ihr Herz.

Frage: Manche in der Kirche warnen davor, in den sozial-karitativen Einsatz gerade für nichtchristliche Mitmenschen zuviel Kraft zu investieren und damit in Bereiche, in denen keine messbaren Ergebnisse bei der Ausbreitung des Evangeliums zu erzielen sind. Halten Sie diese Warnung für berechtigt?

Schwester Uta: Messbar ist unsere Arbeit überhaupt nicht. Was dabei für das Evangelium herauskommt, müssen wir Gott überlassen.

Frage: In Zeiten kleiner werdender Gemeinden könnte man böse sagen: Irgendwie müssen sich die Hauptamtlichen ja trösten ...

Schwester Uta: Als ich vor 42 Jahren in den Dienst gegangen bin, waren wir sicher stärker auch auf greifbare Erfolge orientiert. Ich denke aber, sich nach besten Kräften einzusetzen und dann letztlich alles Gott zu überlassen, entspricht dem Evangelium mehr. Man darf und braucht sich nicht entmutigen lassen.

Frage: Sie haben auch manche Rückschläge erlebt ...

Schwester Uta: Habe ich, bis hin zum Hausverbot. Aber ich habe auch erlebt, dass Menschen, die zunächst sehr abweisend waren, sich auf einmal sehr geöffnet haben. Man darf niemanden aufgeben. Manchmal werde ich auch sehr beschenkt, wenn ich erlebe, dass Menschen, denen man es äußerlich nicht zutrauen würde, ganz tief aus dem Glauben leben. Bei manchem Rückschlag, den es auch gibt, im großen Ganzen sind die Menschen sehr offen. Ich bin manchmal erstaunt, wie offen. Ich denke, die Ordenstracht macht einiges aus. Die Menschen vertrauen uns Ordensleuten. Nach der Wende ist es uns allerdings auch passiert, dass meine inzwischen verstorbene langjährige Mitschwester Irmgard Krzikalla oder ich von Jugendlichen in der Stadt angepöbelt wurden.

Frage: In unserem Land leben viele Ungetaufte. Wie kann es gelingen, ihnen von Gott zu erzählen?

Schwester Uta: Ich habe gesagt, dass es wichtig ist, auf die Menschen zuzugehen, sich für ihre vielfältigen Sorgen zu interessieren und ihnen zu helfen. Nicht selten ergibt sich daraus auch ein tieferes oder gar Glaubensgespräch. Wir dürfen uns aber auch nicht zuviel in Aktivitäten verlieren, sondern müssen für diejenigen, die uns begegnen, nicht zuletzt auch immer wieder beten. Die Menschen sind sehr dankbar, wenn man ihnen zusagt: Sie haben mir jetzt viel von Ihrem Leid erzählt. Ich werde für Sie in der Kirche eine Kerze anzuzünden und für Sie beten. Auch Menschen, die vor Examen oder anderen wichtigen Lebenspunkten stehen, nehmen das meistens dankbar an.

Frage: Im Pastoralen Zukunftsgespräch geht es angesichts kleiner werdender Gemeinden um die Schaffung von Seelsorgezentren. In Bernburg haben Sie gemeinsam mit ihrer 2002 gestorbenen Mitschwester immer mit Pfarrer und viele Jahre auch Vikaren zusammengearbeitet. Was halten Sie in einem Seelsorgeteam für besonders wichtig?

Schwester Uta: Feste Zeiten für gemeinsame Arbeitsbesprechungen, in denen Raum dafür ist, sich über gemachte Erfahrungen und Sichten auszutauschen und nach bestmöglichen Wegen in der Seelsorge zu suchen.

Frage: Mit Ihrem Weggang aus Bernburg übernimmt eine verheiratete Gemeindereferentin neben dem Pfarrer den Seelsorgedienst. Was glauben Sie, ist ganz wichtig, dass der Wechsel gelingen kann?

Schwester Uta: Es ist ganz wichtig, unter den Menschen und so im Dienst verfügbar zu sein, egal, ob als Ordensfrau oder Gemeindereferentin mit Familie. Und es ist wichtig, von der Gemeinde her angenommen zu werden. Das durfte ich immer erleben.

Interview: Eckhard Pohl

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 47 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Montag, 24.11.2003

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