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Auf zwei Minuten

Aktion und Kontemplation

Jeder von uns braucht beides in seinem Leben, die Haltung der Marta und der Maria.

Pater Damian

Als Jesus bei Marta und Maria in Betanien zu Gast ist, setzt sich Maria dem Herrn zu Füßen und hört seinen Worten zu. Marta aber ist ganz mit den Pflichten einer Gastgeberin beschäftigt und bereitet das Essen vor. Sie möchte, dass ihre Schwester ihr bei der Arbeit helfe. Jesus aber sagt: "Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden" (vgl. Lk 10). Worum geht es hier? Will Jesus sagen, Kontemplation habe grundsätzlich den Vorrang vor Aktion? Werden Engagement und Arbeit abgewertet? Wird hier Gottesliebe der Nächstenliebe gegenübergestellt? In der christlichen Frömmigkeitsgeschichte war es bis in die neueste Zeit tatsächlich weitgehend so, dass Beten, Verharren vor Gott an sich als höherwertig angesehen wurden. "Erst in neuester Zeit hat sich eine Wende vollzogen: Der Mensch erfährt sich keineswegs mehr nur als der ,Schauer', der empfängt, sondern vor allem als Gestalter, Umgestalter, Schöpfer ...Das dualistische Denkmodell mit seiner Überund Unterbewertung tritt zurück. Der biblische Ansatz tritt stärker hervor, nach dem Nächsten- und Gottesliebe, Gottes- und Weltdienst zwei Aspekte der einen christlichen Berufung sind" (Hermann Schalück). Jeder von uns braucht beides in seinem Leben, die Haltung der Marta und der Maria. Und damit einige Menschen mehr Zeit für Studium, Betrachtung und Gebet haben, müssen andere sich stärker in den Diensten der Marta engagieren. So ist es auch in einem Kloster. Eine Geschichte aus der Zeit der ersten Mönche zeigt die Notwendigkeit beider Seiten auf:

Ein Bruder ging zum Berg Sinai, um Abba Sylvanus aufzusuchen. Als er dort die Brüder bei schwerer Arbeit sah, sagte er zu ihm: "Arbeiten sollt ihr nicht für Speise, die vergänglich ist; denn Maria, hat den besten Teil erwählt." Da ließ der Weise seinen Schüler kommen: "Zacharias, hol dem Bruder ein Buch und bringe ihn in eine leere Zelle." Als es drei Uhr geworden war, spähte der Bruder zur Tür hinaus, um zu sehen, ob einer ihn zum Mahl rufen werde. Weil aber niemand rief, erhob er sich, ging zu dem Weisen und fragte: ,,Abba, haben die Brüder heute nichts gegessen?" Der Weise sprach: "Natürlich aßen wir." Der Bruder forschte weiter: "Und weshalb habt ihr mich nicht gerufen?" Der Weise gab zurück: "Du bist ein spirituelles Wesen und auf derartige Speise nicht angewiesen. Aber wir sind Menschen von dieser Erde und müssen essen -und darum arbeiten wir. Du hast in der Tat ,den besten Teil erwählt', du liest den ganzen Tag und musst keine irdische Nahrung zu dir nehmen." Als der Bruder dies hörte, zeigte er Reue und sagte: "Vergebt mir, Abba." Der Weise erwiderte: "Maria kam gewiss nicht ohne Marta aus, und es ist tatsächlich Martas Hilfe zu danken, wenn Maria gepriesen wird." (Nach Yushi Nomura)

Pater Damian Meyer

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 46 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Montag, 17.11.2003

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