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Bistum Erfurt

Wer alles durchschaut, sieht nichts mehr

Hochschultag des Bistums: Kirchen und Wissenschaften müssen im Dialog bleiben

Nette Runde: Beim ersten Hochschultag des Bistums diskutierten Vertreter verschiedener Fachrichtungen über das Verhältnis von Kirchen und Wissenschaften. Von links: Der Dekan der Theologischen Fakultät Benedikt Kranemann, die Wirtschaftsethikerin Bettina Hollstein, Moderator Bernhard Wiedemann und der Prager Philosoph Jan Sokol.

Erfurt -Der amerikanische Hirnforscher Vilayanur Pamachandran glaubt den lieben Gott in den Schläfenlappen entdeckt zu haben. Andere wiederum meinen zu wissen, dass die Seele ein komplexer Vorgang chemischer Prozesse ist. Und im Auftrag der Pharmaindustrie erfinden gewiefte Psychiater gar neue Geisteskrankenheiten. Kein Wunder, dass kirchlichen Vertretern und Theologen gelegentlich die Haare zu Berge stehen, wenn sie in einschlägigen Wissenschaftsmagazinen blättern, die mitunter Absonderliches zutage fördern.

Aber nicht darum, sondern um die Bereitschaft zum Dialog miteinander ging es am 7. November beim ersten Hochschultag, zu dem das Bistum Erfurt leitende Professorinnen und Professoren der Thüringer Universitäten und Hochschulen in das Bildungshaus St. Martin in Erfurt eingeladen hatte.

Den Festvortrag über das Buch Genesis hielt der Prager Philosoph Jan Sokol, der sich in diesem Jahr um die tschechische Präsidentschaft bewarb. Und die Kirche, so meint er, dürfe nicht der Versuchung erliegen, Bestehendes zu erhalten, sondern müsse sich höhere Ziele stellen. Gemeint ist die Öffnung zur Welt an einer Zeitenwende, wo es um das blanke Überleben gehen kann -"Was können wir noch tun? Wo müssen wir aufhören, wenn sich unsere eigenen Werke gegen uns selbst richten", lautet oft die Frage verängstigter Zeitgenossen.

Mangelndes Gespür für die Gotteswirklichkeit

Einen intensiven Dialog zwischen Kirchen und Wissenschaften fordert deshalb Bischof Joachim Wanke. Angesichts der Herausforderungen in der Biotechnologie oder neuen Fragen in den Wirtschaftswissenschaften dürfe niemand diesem Dialog ausweichen, sagte Wanke.

Der Bischof beklagte zudem ein mangelndes Gespür für die "Gotteswirklichkeit" in der heutigen Zeit, in der der Mensch überall sich selbst sehe. "Wir meinen alles zu durchschauen, selbst die Religion, ihre Entstehung und ihre Existenzbedingungen. Wer aber alles durchschaut, sieht am Ende gar nichts mehr", sagte der Bischof.

Möglichkeiten eines verstärkten Gesprächs zwischen Kirche und Wissenschaften sieht Wanke in der intensiveren Nutzung bestehender Gesprächsforen wie den Einrichtungen der Hochschulseelsorge, den Katholischen Akademien sowie den interdisziplinären Angeboten der Theologischen Fakultät mit anderen Fachbereichen der Universität. Dieser Austausch zwischen den Wissensbereichen sei für die Theologie und die Kirche Grundvoraussetzung theologischer und pastoraler Arbeit, betonte Wanke.

Dass auch von säkularer Seite ein starkes Interesse an diesem Dialog besteht, habe vor allem das zu Ende gehende "Jahr der Bibel" oder die gut besuchten Veranstaltungen zum "Meister- Eckhart-Jahr" in Thüringen deutlich gezeigt.

Aber wie kommt dieser Dialog zustande? Und: "Was müssen die Kirchen tun?", fragt Bernhard Wiedemann, Chef der Redaktion Bildung und Wissenschaft beim MDR-Fernsehen, der die anschließende Podiumsdiskussion mit Sokol, dem Dekan der Katholischen Fakultät Benedikt Kranemann und der Wirtschaftsethikerin am Erfurter Max-Weber-Kolleg, Bettina Hollstein, moderierte.

Letztere hat Erfahrungen mit dem Einfluss von Verbänden auf den Wissenschaftsbetrieb: "Wirtschaftsverbände haben weniger Berührungsängste beim Dialog mit den Wissenschaften", sagt Hollstein. Hier wie dort wehrt sie sich aber gegen "autoritative Eingriffe" sowohl der Kirchen als auch der Wirtschaft. Als Anwältin der Armen und derer, die am Rande der Gesellschaft stehen, müssten die Kirchen auch auf die Universitäten und Hochschulen Einfluss nehmen.

Als einen "Prozess des gegenseitigen Verständnisses" bezeichnete der neue Dekan der Katholischen Theologischen Fakultät Erfurt, Benedikt Kranemann, den Dialog zwischen Kirchen und Wissenschaft. Die Integration der Fakultät in die Universität sei dabei nur ein Schritt gewesen. Von den Vertretern anderer Fachbereiche sei die neue Einrichtung über den Erwartungen gut angenommen worden. Kranemann forderte zudem eine weitere "Reflexion über den Glauben", um "gefährliche Allianzen" zwischen Glaube und Politik, wie sie sich seiner Ansicht nach derzeit in den USA bilden, zu verhindern. Der Dekan beklagte den schwachen Kontakt zwischen Theologie und Naturwissenschaften, deren Ursachen vor allem in der mangelnden Kompetenz auf beiden Seiten und in starken Berührungsängsten liegen.

Andreas Schuppert

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 46 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Montag, 17.11.2003

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