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Bistum Görlitz

Von Gottes Zärtlichkeit berührt

Ein in Hoyerswerda uraufgeführtes Oratorium schildert das Leben des Franz von Assisi

Anstrengende Probenarbeit für den kleinen Oratorienchor: Kantor Johannes Leue am Flügel mit den Hoyerwerdaer Sängerinnen und Sängern.

Hoyerswerda (ep) -"Du warst so, wie deine Zeit dich wollte: Dein Vater den aufgeweckten, selbstbewussten Sohn, deine Freunde den lustigen, spendablen Anführer, die Mädchen den hübschen, modischen Tänzer, die Stadt den entschlossenen, patriotischen Kämpfer, die Geschäftsleute den jungen Mann mit Geld." So beginnt das Franziskus-Oratorium, das am 5. Oktober in der Hoyerswerdaer Pfarrkirche Heilige Familie uraufgeführt wurde. Kantor Johannes Leue (44) lässt mit diesen von einer Sprecherin vorgetragenen Worten (Franziskanerin Schwester Magdalena) den jungen Francesco aus Assisi vor die Zuhörer treten, bevor Chor und Solisten dessen großspurige Lebensart in Frage stellen.

Ein Leben, das dem junger Leute vergleichbar ist

Francesco führt das pralle Leben eines reichen jungen Mannes, bis er eines Tages im Kampf in Gefangenschaft gerät und ins Nachdenken kommt. Eine Begegnung mit Gott verändert sein Leben radikal und er wird im Laufe seiner nur 45 Jahre zu jemandem, der alles von Gott erwartet. Chor, Sopran-, Alt- und Tenorsolist sowie die Sprecherin lassen dies den Zuhörer unterstützt vom Orchester miterleben.

"Der junge Franziskus lebte ein Leben, dass durchaus mit dem junger Leute von heute vergleichbar ist", sagt Kantor Leue. Angeregt durch das große Engagement der Reuther Franziskanerinnen in Hoyerswerda hat er sich mit Franziskus befasst und fasziniert von ihm vor mehr als einem Jahr begonnen, das Oratorium zu schreiben.

"Ein Werk, dass unseren Möglichkeiten entspricht"

Dabei spielten aber auch praktische, nicht zuletzt personelle und finanzielle Erwägungen eine Rolle. "Unser Chor besteht heute nur aus plus minus 25 Sängerinnen und Sängern", sagt Leue. "Und wesentlich mehr werden wir in unserer Stadt, die zur DDR-Zeit gut 70 000 und heute unter 40 000 Einwohner zählt, nicht werden."

1994 als evangelischer BKantor nach Hoyerswerda gekommen, gründete Leue 1996 den Oratorienchor, zu dem katholische, evangelische und nicht kirchlich gebundene Sänger gehören. "Als wir damals wohl erstmals das Weihnachtsoratorium in Hoyerswerda aufführten, kamen 650 Leute in die Konzerthalle." Doch bei der erneuten Aufführung ein Jahr später habe sich das Interesse schon in Grenzen gehalten. 1997 führte der Oratorienchor gemeinsam mit der Neuen Lausitzer Philharmonie und der Kantorei Kamenz zum Beispiel auch Brahms Requiem auf. Mit Unterstützung des Görlitzer Bachchores wurde 1998 auch Bachs Johannes-Passion zu Gehör gebracht. Und wiederum mit der Kantorei Kamenz erklang 1999 Haydns Schöpfung. Aufführungsorte waren die katholische Pfarrkirche und die evangelische Johanneskirche. Bei all diesem Engagement, das auch gute Solisten erforderte, spielten die Finanzen eine wesentliche Rolle. "Wir blieben angesichts der Kosten für Solisten und die Unterstützung fremder Chorsänger und Instrumentalisten immer wieder auf Ausgaben sitzen", so Leue. Auch daraus resultierte "die Notwendigkeit, etwas zu schaffen, das unseren Möglichkeiten als Chor und unseren Laieninstrumentalisten entsprechender ist. Und selbst mit diesen Stücken haben wir trotz großem Engagements noch unser Tun", so der Kantor.

So begann Leue eigene Werke zu schreiben: Biblisches für die Kinderarbeit, das Musical Barmherzigkeit, das mit Behinderten aufgeführt wurde, ein Lukas- Oratorium für Blechbläser und Streicher zum Thema Auferstehung, das er gemeinsam mit seinem Chor und (teils jungen) Musikern des Hoyerswerdaer Sinfonieorchesters aufführte. Und auf diese Weise entstand nun auch das Franziskus-Oratorium.

"Man muss einen Stil finden, der den Inhalt in der Sprache unserer Zeit vermittelt. Zunächst muss der Text entstehen", sagt der Kirchenmusiker. Auch die Musik müsse heutigen Hörgewohnheiten entgegenkommen, zugleich aber den Anspruch haben, ein bisschen unvergänglich zu sein." So hat Leue popmusikartige, aber auch barocke Anklänge, musikmalerische Elemente und sogar mittelalterliche Melodik verarbeitet.

Bei der inhaltlichen Auseinandersetzung mit Franziskus stellte er fest: "Die Überlieferungen sind von Legenden zugeschüttet. Damit hat der heutige Mensch seine Probleme. Doch Franziskus' Botschaft hat nichts von ihrer Aktualität verloren. Diese gilt es verständlich nahe zu bringen."

Nicht erfolgreich und mächtig, sondern gering

Entstanden ist ein Oratorium, dass sich von seinem Aufbau her an den großen Themen des Lebens des Heiligen orientiert: Franziskus genügt sein pralles Leben nicht. Er sucht die Nähe Gottes und erkennt, dass Geld, besitzergreifende Liebe, Macht und Wissen letztlich wenig bedeuten. So erfährt er die zärtliche Liebe Gottes. "Bei seinem Einsatz für das Evangelium leidet er mehr und mehr auch am Streben der Kirche nach Reichtum, aber auch an den Kreuzzügen", sagt Leue. Gezeichnet auch von seiner selbstgewählten Armut erfährt er die Stigmatisierung und wird so Christus sehr ähnlich."

"Im Sterben hinterlässt du uns deine letzte und wichtigste Botschaft, nackt auf dem Boden liegend: Werdet wie die Geringsten -und Gott nimmt sich euer in seiner Zärtlichkeit an", berichtet schließlich noch einmal die Sprecherin. Der Chor beendet das Oratorium mit der Aufforderung: "Lasst uns endlich den Himmel sehn! Lasst uns endlich im Lichte stehn, Gottes Zärtlichkeit spürn, seine Hände berührn. Lasst uns endlich den guten Weg gehen!"


Nach Angaben von Leue ist angedacht, das Oratorium 2004 in Wittichenau und bei den Franziskanerinnen in Reuthe aufzuführen.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 45 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Montag, 10.11.2003

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