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Aus der Region

"Heinrich, welche Aussichten habe ich noch?"

Pfarrer Pera erzählt vom Sterben, und der Tod bekommt ein anderes Gesicht

Der Dreh- und Angelpunkt in der Begleitung Sterbender ist die Kommunikation.

Halle / Dresden (mh) -Renate F. (37)* hat ein Bild gemalt: Eine Frau kauert unter einem Berg von Steinen. Auf jedem Stein steht ein Wort: Wut, Depression, Angst, Gedanken. Renate F. hat sich selbst gemalt, so wie sie sich fühlt: lebendig begraben unter einem Steinhaufen. Renate F. hat Krebs.

Bei einer Veranstaltung des Kathedralforums in Dresden zeigt Heinrich Pera dieses Bild -und viele andere, gemalt von Menschen in der letzten Phase ihres Lebens. Pera ist gelernter Krankenpfleger und studierter Theologe. Der katholische Priester ist ein Pionier der Hospizidee in Deutschland. Das Hospiz in Halle hat er aufgebaut und viele andere maßgeblich beeinflusst. Einem Menschen zu ermöglichen, dass er bis zuletzt leben kann, heißt das Anliegen, für das er sich einsetzt. An diesem Abend in Dresden gibt er seinen Zuhörern einen Einblick in die Erfahrungen, die er dabei machen durfte.

Palliativ Care -dieser englische Begriff ist Heinrich Pera wichtig. Er übersetzt ihn nicht mit Palliativmedizin. "Das ist eine Verkürzung." Denn zu Palliativ Care gehört nicht nur die medizinische und pflegerische Betreuung des Kranken -was die Übersetzung mit Palliativmedizin nahe legen würde. Schmerztherapie und Symptomkontrolle sind zwar wichtig, weil sie inzwischen in der Lage sind, selbst einen schwerstkranken Krebspatienten von seinen körperlichen Schmerzen zu befreien. Aber das ist nicht alles, was einer braucht, um bis zuletzt leben zu können. Begleitung für den ganzen Menschen meint Palliativ Care. Und da spielen geistige und spirituelle Fragen eine Rolle. Hospizarbeit ist nicht nur etwas für Ärzte und Krankenschwestern, sondern für Psychologen und Seelsorger. Dazu kommen noch viele Ehrenamtliche, in Deutschland etwa 40 000. "Hospizarbeit ist Teamarbeit, und kein Beteiligter ist wichtiger als der andere."

"Der Dreh- und Angelpunkt in der Begleitung Sterbender ist die Kommunikation", sagt Pera. "Jeder von uns braucht das Du, besonders am Lebensende." Denn da geht es nicht nur um die körperlichen Schmerzen, gegen die die Schmerztherapie hilft. Es gibt auch Schmerzen aus Angst um das soziale Umfeld: Was wird aus meinem Ehepartner? Und es gibt die existentiellen Schmerzen. Pera: "An der Sinnfrage und an der Frage nach dem Umgang mit der eigenen Schuld kommt keiner vorbei."

Wie aber kommuniziert man mit Renate F., die sich selbst unter dem Steinhaufen begraben ohne Augen und Ohren, ohne Mund und Finger gemalt hat? "Sie erreichen diesen Menschen über die Haut", sagt Pera. Streicheln ist die letzte Kommunikationsmöglichkeit. "Wer nicht hören kann, kann fühlen", formuliert er ein bekanntes Sprichwort um. Eine andere Form der Kommunikation -auch wenn jemand nicht mehr sprechen kann -sind die Tränen: "Jede Träne hat ihren Inhalt."

Das ist doch Scheiße, wenn du weißt , dass du sterben musst

Susann* ist erst zehn. Auch sie hat Krebs. Auf ihrem Bild hat sie ein Krankenzimmer gemalt: Die Kinder liegen in ihrem Bett oder sitzen auf dem Fußboden. Ganz am oberen Rand des Bildes sind kleine Fenster zu sehen -viel zu weit oben, als dass ein Kind hinaussehen könnte. "Heinrich, welche Aussichten habe ich noch?", fragt Susann. Für Heinrich Pera eines von vielen Beispielen dafür, dass das Innenleben der Patienten oft viel weiter ist, als die anderen ihnen zugestehen wollen. Denn Susann ahnt ihre Aussichten und ihr rutscht das Wort "Scheiße!" heraus. Das sagt man doch nicht, wäre die erwartete Reaktion. Heinrich Pera aber sagt: "Das ist doch Scheiße, wenn man mit zehn Jahren weiß, dass man sterben muss." Und in kräftigen Worten fährt er fort: "Seelsorge bedeutet auch, dass ich einem anderen Menschen meinen Finger gebe, dass er sich auskotzen kann."

Das nächste Bild ist nicht gemalt, sondern fotografiert. Es zeigt eine Frau im offenen Sarg. Aufgenommen wurde das Foto wenige Stunden nach dem Tod der jungen Mutter. Zuvor hatten sich ihre beiden Kinder zusammen mit Heinrich Pera von der gerade gestorbenen Mutter verabschiedet, vier Stunden lang. Die Kinder haben sie noch einmal gestreichelt und geküsst. Sie haben ihr Abschiedsbriefe geschrieben und Geschenke mitgegeben, die sie jetzt braucht. Und sie haben die Kleidung ausgesucht, die sie im Sarg tragen soll. "Jeans hat Mutti immer gemocht."

Wenn Heinrich Pera vom Sterben erzählt, bekommt der Tod ein anderes Gesicht. Er ist nicht mehr die unmenschliche, sinnlose Bedrohung. "Das Sterben kann zur intensivsten Phase des menschlichen Lebens werden", sagt Pera. Es ist eine Krise. Im Chinesischen bedeutet dieses Wort sowohl Gefahr als auch Chance. "Ein Krebskranker kann vielleicht nie wieder gesund werden. Aber er kann geheilt werden."

Natürlich kam an diesem Abend auch immer wieder einmal die Sprache auf das Geld. Pera ist froh, dass es in Deutschland als einzigem Land gelungen ist, eine gesetzliche Grundfinanzierung für Hospize einzuführen. Die Finanzierung des Aufenthalts von Patienten im stationären Hospiz ist durch die Krankenkassen abgesichert. Manches andere aber, für das immer wieder das Argument Geld herhalten muss, ist für Pera zuerst gar keine finanzielle Frage. "Wie wasche ich als Krankenschwester oder Pfleger einen Patienten, der auf der Intensivstation liegt und an viele Maschinen angeschlossen ist? Tue ich das so, wie ich einen Schreibtisch abwische? Oder ist er für mich eine Person?" Er selbst hat als Krankenpfleger in solchen Situationen, auch wenn die Betreffenden im Koma lagen, immer mit ihm gesprochen. Das, sagte Pera, kostet nicht mehr Geld und auch nicht mehr Zeit. Für den kranken Menschen aber ist es unendlich wichtig.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 45 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Montag, 10.11.2003

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