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Enkelin und Mutterkirche zugleich

Zum 175-jährigen Bestehen der Propstei St. Johann Nepomuk in Chemnitz / Teil 2

Chemnitz -Die Katholiken haben auch früher Schützenhilfe vom Land Sachsen bekommen. Heute zahlt der Freistaat Fördergelder für Kirchen oder Gemeindezentren. Vor 300 Jahren stellte der Königliche Hof Räume zur Verfügung, damit katholische Gottesdienste gefeiert werden. Und vor rund 200 Jahren kam es vor, dass der Staat die Stelle eines katholischen Seelsorgers finanzierte. Von dieser Unterstützung erfuhren kürzlich die Besucher eines Vortrages in der Chemnitzer Propstei. Aus Anlass des Jubiläums "175 Jahre St. Johann Nepomuk Chemnitz" sprach Dr. Siegfried Seifert, Diözesanarchivrat, über die Gründung der ersten Chemnitzer Gemeinde nach der Reformation.

"Mitte des 16. Jahrhunderts war von der katholischen Kirche nichts mehr zu hören", beschrieb Dr. Seifert die Situation in Sachsen kurz nach der Reformation. Die Ambitionen von Kurfürst Friedrich August I. (1673/1694 bis 1733) waren ein Segen für die Katholiken. Um König von Polen zu werden, wechselte der auch als August der Starke bekannte Wettiner bekanntlich die Konfession. Im Schloss Moritzburg richtete er die erste katholische Kapelle nach der Reformation ein. Dort feierten 1699 auch die Katholiken ihren ersten öffentlichen Gottesdienst nach der Reformation.

Pfarrer betreute Häftlinge und die Gemeinde

Der Kapelle in Moritzburg folgten einige Jahre später katholische Gotteshäuser und Kapellen in Dresden, im Jagdschloss Hubertusburg und in der Pleißenburg Leipzig. Sie hatten alle etwas gemeinsam, sagte Siegfried Seifert: "Sie befanden sich in Gebäuden, die den Landesherren gehörten." Ansonsten waren in Sachsen katholische Gottesdienste zu dem Zeitpunkt noch verboten.

Gleichberechtigt waren Lutheraner und Katholiken erst ab 1807. Es entstanden Gemeinden, jedoch zunächst ohne Pfarrer und Kirche. "Das Vikariat hatte kein Geld, es bekam keine Kirchensteuern", erklärte der Historiker. In Zwickau konnte das Problem mit staatlichen Mitteln gelöst werden. Die katholischen Gefangenen verlangten nach einem Geistlichen. Die Kirche schickte einen Pfarrer. "Bezahlen musste ihn der Staat. Der Geistliche betreute die Häftlinge und war zugleich zuständig für die anderen Katholiken in Zwickau und Umgebung", berichtete Siegfried Seifert. Die Stadt an der Mulde hatte ab 1820 einen Pfarrer und eine Pfarrei -"St. Johann Nepomuk".

Zu den "Außenstellen" der Pfarrei gehörte Chemnitz. Einmal im Monat feierte der Zwickauer Pfarrer dort mit den rund 300 Katholiken eine heilige Messe. An den drei anderen Sonntagen leiteten Lehrer der katholischen Schulen den Gottesdienst. "Die Gemeinde sang ein Lied, der Lehrer las eine Predigt aus einem approbierten Buch vor und die Gläubigen sangen noch ein Lied", skizzierte Dr. Seifert den Ablauf. Nach einigen Jahren, 1827, schickten die Chemnitzer ein Gesuch an König Anton und Bischof Mauermann. Die 35 Männer, die unterschrieben hatten, baten um einen Pfarrer, denn inzwischen waren es 600 Katholiken geworden.

Ein Theatersaal wurde zur Pfarrkirche

Die Bitte wurde erfüllt. Beide Seiten gaben ihren Segen für die erste Chemnitzer Pfarrei. Als erster Pfarrer kam 1828 der Dresdener Kaplan Peter Nowak nach Chemnitz. Für 12 600 Taler kaufte der Bischof außerdem ein Anwesen am Roßmarkt. Aus der ehemaligen Posthalterei wurde das Pfarrhaus, aus dem alten Theatersaal die Pfarrkirche. Der Umbau dauerte nur ein knappes halbes Jahr. Am 12. Oktober 1828 wurde die Kirche geweiht, vor 175 Jahren. Als Patron wählten auch die Chemnitzer den heiligen Johann Nepomuk.

"Dem Pfarrer musste Angst und Bange werden", vermutete Siegfried Seifert, "sein Gebiet war riesig". Es reichte von Aue bis Rochlitz, von Meerane bis Freiberg. Dieses Pensum war nicht ernsthaft zu schaffen. Deshalb wurden nach und nach von St. Johann Nepomuk aus neue Pfarreien gegründet. Das galt ebenfalls für das Stadtgebiet. 1890 zählte St. Johann Nepomuk rund 7000 Gläubige. Die Gottesdienstbesucher standen mitunter auf dem Hof und auf dem Roßmarkt, heißt es. Die Gemeinde bekam 1891 einen zweiten Kaplan, sechs Jahre später einen dritten. 1904 wurde dann St. Josef als zweite Chemnitzer Pfarrei ins Leben gerufen. Dr. Siegfried Seifert brachte es auf eine kurze Formel: "St. Johann Nepomuk in Chemnitz ist die Enkelin der Hofkirche in Dresden und die Mutter oder die Großmutter fast aller Gemeinden im Dekanat."

Gert Friedrich

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 0 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 02.11.2003

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