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Aus der Region

Weder feiern noch trauern

Ist der Reformationstag ein Freudentag oder ein Tag der Trauer?

Christoph Kähler: Denkzettel an der Pinnwand unseres Alltags.

Der evangelische Landesbischof von Thüringen Christoph Kähler: Als Luther am Abend vor Allerheiligen seine 95 Thesen zum Ablasshandel an die Tür der Wittenberger Schlosskirche heftete, war das kein spektakulärer Akt. Da sind keine Hammerschläge durch Wittenberg gehallt, die in Rom zu hören gewesen wären. Der gerade in den Kinos anlaufende Luther-Film zeigt die Szene realistischer als wir sie uns oft vorstellen. An der Kirchentür hingen am 31. Oktober 1517 viele Zettel mit Nachrichten und Meinungen. Es war eine Pinnwand, die der 34-jährige Professor Martin Luther nutzte, um zur Disputation herauszufordern. Das war damals üblich. Einen Disputationspartner hat Luther in Wittenberg allerdings zunächst nicht gefunden, dafür aber viele Leser im ganzen Land. Die Thesen verbreiteten sich schnell und wirbelten viel Staub auf. Staub, der sich auf die Kirche gelegt hatte und der das Evangelium zu ersticken drohte.

Evangelisch kommt von Evangelium. Das Evangelium ist Luthers Grund und Boden, von dem aus er den Ablasshandel anprangert: "Der wahre Schatz der Kirche ist das allerheiligste Evangelium von der Herrlichkeit und Gnade Gottes. Also ist der Schatz des Evangeliums das Netz, mit dem man einst die Besitzer von Reichtum fing. Der Schatz des Ablasses ist das Netz, mit dem man jetzt den Reichtum von Besitzenden fängt", so lauten einige seiner Thesen. Luther ruft zurück zum Evangelium. Nur wollten die Vertreter der alten Kirche nicht hören. Und das machte die Reform notwendig.

Jede Idee verlangt nach einer Institution, damit die Idee verbreitet und wirksam werden kann. Das Evangelium braucht die Kirche. Es braucht eine Organisation, in der sich Menschen finden und binden, die gemeinsam überlegen, wovon sie leben und wie sie daraufhin ihr Leben gestalten. Aber jede Institution lebt auch in der Gefahr, sich zu verselbständigen, sich um sich selbst zu drehen und sich von ihrer Idee zu entfernen. Auch unsere Kirche, jede Kirche, lebt in der Gefahr, nicht mehr auf das Wort Gottes, das Evangelium, zu hören. Und wenn wir diese Gefahr nicht sehen, leben wir gefährlich. Luther ist dieser Spannung nicht ausgewichen. Er ist mitten hinein gegangen. Es war ein schwerer Weg. Evangelisch zu sein, ist anstrengend. Evangelisch zu sein, erfordert kritische Selbstprüfung: Nach-denken, nicht zu-decken. Das kann uns niemand abnehmen. Luther hat das Neue Testament übersetzt, damit die Menschen selbst lesen, selbst denken, ihren Glauben begreifen und ihr Handeln selbst und unverfälscht am Evangelium ausrichten. Das hält die Kirchen wach. Das hält die Gesellschaft überhaupt wach. Jede Institution, in Kirche und Gesellschaft, muss sich immer zur Selbstkritik und Selbstreinigung ermutigen lassen. Das lehrt uns die Reformation. Daran erinnert der Reformationstag.

Der Tag ist heute sicher kein Anlass für einen Triumph, aber auch nicht Anlass zu trauern. Der Tag heftet uns einen Denkzettel an die Pinnwand unseres Alltags: Wir dürfen uns erinnern lassen an den Glaubensgrund, von dem aus wir unser Leben und Zusammenleben gestalten können und sollen. Wenn wir die Spannung zwischen Evangelium und Kirche als Gummiband denken, dann sollen wir merken, dass die Spannung zunimmt, je weiter wir uns entfernen. Und wir sollen uns zurückziehen lassen, hinein ins Nachdenken und ins Gespräch über das, was wirklich die Tat und der Wille Gottes ist. Das können wir heute gut gemeinsam mit unseren Schwestern und Brüdern der katholischen Kirche. Und wir tun es in Thüringen nicht immer, aber immer öfter. Es bleiben aber offene Fragen von Kirche zu Kirche: Warum dürfen Frauen in der katholischen Kirche nicht taufen und Abendmahl austeilen wie in den urchristlichen Gemeinden?

Wir haben weitere Fragen, verstehen aber die Reformation Martin Luthers nur dann richtig, wenn wir mit den bohrenden Fragen zuerst bei uns selbst ansetzen. Eine Frage, die mich besonders bewegt, ist, wie wir heute von der Liebe Gottes so reden können, dass jedes Schulkind und jede Nachbarin sich angesprochen fühlt.


Joachim Wanke: Ein Anlass zur Selbstbesinnung.

Der katholische Bischof des Bistums Erfurt, Joachim Wanke: Meine Antwort gleich vorweg: Das Reformationsgedenken ist für mich weder Anlass zur Freude noch zur Trauer. Der Reformationstag ist für mich vielmehr so etwas wie ein "Buß- und Bettag". Wie meine ich das?

Derzeit steht die anglikanische Kirche vor einer Situation, die vergleichbar ist mit der Lage der noch geeinten Kirche am Vorabend der Reformation. Es droht eine Spaltung des Anglikanismus. An der Stellung zur Beurteilung der praktizierten Homosexualität scheiden sich die Geister. Die eine Seite vollzieht bewusst das, was für die andere ein schweres Ärgernis im Glauben ist. Wird es so ausgehen, dass es am Ende Sieger und Besiegte geben wird? Werden später jene, die eine mögliche Trennung herbeigeführt haben, diese Trennung "feiern"? Ich hoffe, es kommt zu keiner Trennung. Denn zu feiern gäbe es später wirklich nichts.

Mir fällt ein, was Paulus in vergleichbaren Situationen den Gemeinden schreibt. Heftig umstritten war damals die Frage nach dem Essen von Fleisch, das aus heidnischen Tempelfleischereien stammte. Was tun, wenn plötzlich Fragen auftauchen, für die keine eindeutigen Antworten in der Schrift oder der Glaubensüberlieferung zu finden sind? Paulus gibt den Rat: "Darum lasst uns dem nachstreben, was zum Frieden dient und zur Erbauung untereinander. Zerstöre nicht um der Speise willen Gottes Werk" (Röm 14,19f).

Nun möchte ich nicht die jeweiligen Streitfragen, die im Jahr 60, im Jahr 1517 oder die heute die Christenheit zerreißen, alle auf eine Stufe stellen. Paulus hat bekanntlich auch um die "Wahrheit des Evangeliums" gekämpft (vgl. Gal 2,11ff), nicht weniger engagiert als der Mönch Martin Luther. Aber er hat ebenso zielstrebig und energisch den Zusammenhalt mit den Altaposteln in Jerusalem gesucht (vgl. Gal 2,1ff). Paulus wusste: Die Kirche Gottes kann nur eine in sich geeinte Kirche sein. Jede Spaltung widerspricht ihrem Wesen. Es reicht auch nicht nur eine bloß gedachte, theoretische Einheit, die sich nicht nach außen hin zeigt und (gerade bei Konflikten) bewährt.

Deshalb ist für mich der Reformationstag ein Anlass zur Selbstbesinnung. Wo geben wir Katholiken heute den getrennten Geschwistern Anlass zum Ärgernis? Ein Beispiel für diese selbstkritische Einstellung hat der Papst selbst gegeben, wenn er in seiner Ökumene-Enzyklika "Ut unum sint" die Frage nach seinem Amt und dessen schriftgemäßer Ausübung stellt. Gehören die Fragen, bei denen wir uns streiten, wirklich zur "Wahrheit des Evangeliums" -oder sind sie nur "Menschensatzungen?"

Und meine protestantischen Mitchristen möchte ich fragen: Gilt auch heute der Grundsatz der Reformationszeit: Zurück zu den Quellen? Lesen wir den Epheserbrief, der die Einheit der Kirche reflektiert, und die Pastoralbriefe, in denen sich die Ämterstruktur der späteren Zeit andeutet, ebenso offen und unvoreingenommen wie die anderen Schriften des Neuen Testaments? Oder: Welchen Stellenwert haben heute die reformatorischen Bekenntnisschriften? Treibt die Synoden die Frage nach der "Wahrheit des Evangeliums" in gleicher Weise um wie die Segnung homosexueller Paare? Würden alle "Freiheiten", die wir (Katholiken und Evangelische) uns heute nehmen, bei Paulus (und Martin Luther!) Verständnis finden?

Wir können das Faktum der Trennung nicht ungeschehen machen. Die Frage ist, ob wir diese Trennung "schönreden" und sogar theologisch legitimieren, oder ob wir sie als eine offene Wunde ansehen, die der Heilung bedarf. Der Ökumenische Kirchentag in Berlin hat mir gezeigt, dass der Wille zum geistlichen Miteinander unter uns vorhanden ist. Das lässt mich hoffen. Ich werde am Reformationstag um die Einheit der Kirche beten. Und dass ich ausgerechnet an diesem Tag Gastreferent bei der Lippischen Landeskirche bin (zum Thema: Jahr der Bibel), ist für mich keine Bußübung, sondern Grund zu geistlicher Freude.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 44 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 02.11.2003

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