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Aus der Region

Großes Interesse an einem Tabu-Thema

"Sterben im Leben" heißt in den nächsten Monaten das Thema einer Vorlesungsreihe in Dresden

Joachim Klose: Wir brauchen wieder mehr Menschlichkeit.

Dresden -Die Katholische Akademie des Bistums Dresden- Meißen veranstaltet zusammen mit dem Institut für Geschichte der Medizin an der Technischen Universität (TU) Dresden und der Akademie für Palliativmedizin eine Vorlesungsreihe "Sterben im Leben". Der TAG DES HERRN sprach darüber mit Dr. Joachim Klose, dem Direktor der Katholischen Akademie:

Frage: Herr Dr. Klose, Sterben und Tod werden von der Gesellschaft weitgehend verdrängt. Warum ist es wichtig, diese Tabu-Themen ins Gespräch zu bringen?

Klose: Sterben und Tod stellen blinde Flecken in der gesellschaftlichen Wahrnehmung dar. Heute stehen Jugendlichkeit, Sportlichkeit, Schönheit im Mittelpunkt. Andere Bereiche des Lebens werden ausgegrenzt. Dabei sind Tod, Leid, Krankheit nicht nur existentielle Fragen, sondern -und hier wollen wir mit den Veranstaltungen ansetzen -sie haben etwas mit unserer Kultur zu tun. Wir haben einen Zugang gewählt, den jeder nachvollziehen kann: Was muss ich bei der Vorbereitung einer Beerdigung machen? Viele Dinge gilt es zu beachten: von den rechtlichen Regelungen über die Musik bei der Beerdigungsfeier bis zur Grabpflege. An diesen Themen entlang ist die Vorlesungsreihe konzipiert.

Frage: Über 200 Teilnehmer sind zur Auftaktveranstaltung gekommen, eine überraschend große Zahl. Warum gibt es trotz der Tabuisierung des Themas einen so großen Gesprächsbedarf?

Klose: Das hängt mit der Bedeutung zusammen, die der Einzelnen dem Tod gibt. Im christlichen Verständnis ist der Tod ein Teil des Lebens. Er ist der Durchgang zum ewigen Leben. Wenn ein Mensch diesen Glauben aber nicht hat, dann bekommt der Tod ein ganz anderes Gesicht: Wenn alles sich auf das Diesseits beschränkt, wird der Tod zur unmenschlichen Bedrohung, die der Mensch verdrängen muss. Diese Tatsache müssen wir wahrnehmen. Hier können wir dann anknüpfen mit dem Nachdenken über Sinn und Ziel des Lebens. Und das ist auch ein Anliegen dieser Veranstaltungsreihe.

Frage: Ein Aspekt des Themas ist der medizinische Fortschritt. Welche Einflüsse hat er auf eine Kultur des Sterbens und des Todes?

Klose: Hier spielen verschiedene Aspekte eine Rolle. Positiv am medizinischen Fortschritt ist sicher, dass einem Schwerkranken durch eine bessere Pflege das Leiden und auch das Sterben erleichert wird. Aber: Muss man einem Sterbenden alles zumuten, was medizinisch möglich ist? Damit hängt zusammen, dass die Entscheidung, wann ein Mensch stirbt, zunehmend in die Hände der Ärzte gelegt wird, die damit auch überfordert sind. Der Arzt hat geschworen, in jeder Situation dem Leben zu dienen. Was heißt das konkret, wenn jemand jahrelang im Koma liegt? Das Arzt-Patienten-Verhältnis, der ehrliche Umgang beider miteinander ist ein wichtiges Gesprächsthema, damit im Krankenhaus menschliches Sterben möglich ist. Auch für diesen Bereich gilt, dass wir in unserer technisierten Gesellschaft wieder mehr Menschlichkeit brauchen. Eine richtige Antwort auf die Apparate-Medizin ist die Hospizbewegung. Zwar wird der medizinische Fortschritt genutzt, beispielsweise um einem schwer Krebskranken seine Schmerzen zu lindern, aber etwas anderes rückt in den Mittelpunkt: die menschliche Zuwendung. Das ist auch einer der Kernpunkte in der Debatte um die aktive Sterbehilfe. Eine Untersuchung in den Niederlanden hat gezeigt, dass die Mehrzahl derer, die eine aktive Sterbehilfe wünschen, das nicht tun, weil sie sterben wollen, sondern weil ihnen die sozialen Kontakte fehlen. Sterbende werden ausgegrenzt und vereinsamen. Damit sind wir auf dem falschen Dampfer. Dem muss die Gesellschaft entgegensteuern. Es gibt Dinge, die sind so selbstverständlich, dass wir sie intuitiv wissen. Allerdings handeln wir nicht enstprechend. Aristoteles sagt: "Wer Vater und Mutter nicht ehrt, verdient keine Zurechtweisung, sondern Prügel." Da liegt eine Wahrheit drin: Wir wissen, dass wir für unsere Eltern Verantwortung haben, und dazu gehört auch, dass wir sie zum Tode begleiten. Stattdessen schieben wir sie aber ab in Krankenhäuser und Altenheime.

Frage: Die Katholische Akademie kooperiert bei dieser Reihe mit dem Institut für Geschichte der Medizin und mit der Akademie für Palliativmedizin. Welche Vorteile versprechen Sie sich davon?

Klose: Neben dem ganz praktischen Vorteil in der Vorbereitung einer solch aufwändigen Veranstaltungsreihe ist mir an der Kooperation mit dem Institut für Geschichte der Medizin wichtig, dass wir so die künftigen Ärzte erreichen. In wenigen Jahren werden sie die Handelnden sein. Dann müssen sie entscheiden. Dabei können sie aber nicht mehr lange hin und her überlegen, sondern -um der Verantwortung gerecht zu werden -muss eine Grundentscheidung schon im Vorfeld getroffen sein. Das heißt: Schon jetzt müssen sie ihre künftigen Handlungen reflektieren. Als katholische Akademie können wir hier etwas von unseren christlichen Wertvorstellungen einbringen. Und die Kooperation mit der Akademie für Palliativmedizin liegt bei diesem Thema auf der Hand.

Frage: Könnte die katholische Kirche -über die eben angesprochenen Werte hinaus -nicht noch mehr in die Gesellschaft einbringen? Kirche ist ja im Umgang mit dem Tod so etwas wie ein Profi. Sollte sie nicht -in der Art eines Dienstleisters -den Menschen konkrete Hilfen im Umgang mit Sterben und Tod anbieten?

Klose: Hier gibt es einen Bereich, in dem vieles offen ist. Und das könnte sogar eine missionarische Aufgabe sein. Dabei denke ich nicht zuerst an die Pfarrer und die Hauptamtlichen, sondern an jeden einzelnen Christen. In einer solch entscheidenden Lebensphase, wie es das Sterben ist, zu helfen, das kann jeder Einzelne. Wenn in der Nachbarschaft jemand gestorben ist, kann ich helfen -beispielsweise mit praktischen Ratschlägen: Damals, als unsere Oma gestorben ist, haben wir das so und so gemacht. Ich kann hinweisen auf einen schönen Text oder ein schönes Lied für die Beerdigungsfeier oder ich kann helfen, die Beerdigungsansprache mit zu formulieren. Das Ergebnis muss nicht gleich ein katholisches Begräbnis sein. Ein missionarisches Zeugnis ist es auf jeden Fall.

Fragen: Matthias Holluba

Themen der Reihe "Sterben im Leben" sind unter anderem:
Nach dem Sterben Abschied vom Recht? (28. Oktober);
Sterben heute -ein Tabu (4. November);
Sterben, Tod und Trauer im Spiegel von Todesanzeigen (18. November);
Trauern in der modernen Gesellschaft (2.Dezember);
Riten angesichts des Todes in nachchristlicher Zeit (9. Dezember).
Diese Veranstaltungen finden im Haus der Kathedrale in Dresden statt (Beginn jeweils 20 Uhr). Dort ist auch bis zum 23. November die Ausstellung "Eine Kultur des Sterbens" zu sehen.
Das gesamte Programm mit Begleitveranstaltungen gibt es im Internet:
www.kathedralforum.de

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 43 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 26.10.2003

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