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Bistum Görlitz

75 Jahre sind schon was !

Jubiläum in der nördlichsten Gemeinde des Bistums: Bischof feierte mit Beeskowern

Freude über eine volle Kirche: Bischof Müller (Mitte) feierte mit den Beeskowern das Kirchweihjubiläum. Links neben dem Bischof Pfarrer Leder.

Beeskow (mh) -Ursula Pohl hat einen Wunsch: "... dass die Kirche immer so voll ist wie heute!", sagt die langjährige Gemeinereferentin von Beeskow. Sie ist zwar inzwischen Ruheständlerin, aber für die Gemeinde leistet sie nach wie vor unverzichtbare Dienste. Als Zeichen des Dankes dafür verlieh ihr Bischof Rudolf Müller am 3. Oktober die Hedwigsmedalle des Bistums Görlitz (TAG DES HERRN berichtete). Und während zum Sonntagsgottesdienst sonst gewöhnlich 40 bis 50 Leute kommen, drängten sich an diesem Tag rund 180 Frauen und Männer, Jugendliche und Kinder in der kleinen Heilig-Geist-Kirche, darunter Gäste aus den Nachbargemeinden und ehemalige Beeskower.

Der Anlass des Wiedersehens war die Feier eines doppelten Jubiläums in der nördlichsten und flächenmäßig größten Pfarrei des Bistums Görlitz. Seit 75 Jahren gibt es in der brandenburgischen Stadt wieder eine eigenständige Pfarrgemeinde. Und: Fast auf den Tag genau, am 7. Oktober vor 75 Jahren war die Heilig-Geist-Kirche geweiht worden.

Gemessen am ehrwürdigen Alter gotischer Dome und barocker Stiftskirchen seien 75 Jahre nichts Besonderes, meinte der Bischof. "In unserer Diasporasituation aber sind 75 Jahre tatsächlich ein Grund zum Feiern." Der Bischof nutze das Jubiläum, um die kleine Gemeinde daran zu erinnern, "dass wir hier einen Auftrag zu erfüllen haben: Gott zu ehren, ihn zu lieben und ihm zu gehorchen" -auch stellvertretend für die vielen Mitmenschen, die nicht an ihn glauben.

Dass die Beeskower das in den vergangenen Jahrzehnten getan haben, zeigt ein Blick in die Geschichte. Pfarrer Georg Leder hat sich intensiv damit befasst. Das Ergebnis ist eine 60-seitige Chronik, die mit der Zeit nach der Auflösung des Klosters Neuzelle (1817) beginnt und bis in die Gegenwart reicht. Pfarrer Leder: "Der Rückblick in die Geschichte der Gemeinde zeigt uns eine Fülle von Schwierigkeiten, die unsere Vorfahren im Glauben bewältigen mussten. Sie haben oft unter widrigsten Verhältnissen diese Gemeinde aufgebaut und mit großem Vertrauen in die Zukunft ihren Glauben gelebt."

In der Folge der Reformation war der katholische Glaube in Beeskow für lange Zeit erloschen. Es waren die Pfarrer von Neuzelle, die sich nach der Auflösung des Klosters im Seelsorgedienst in einer riesigen Diasporagemeinde abmühten. Sie waren zuständig für das Gebiet zwischen Cottbus, Lukau und Beeskow. Und für die 35 Kilometer von Neuzelle nach Beeskow stand höchstens eine Pferdewagen zur Verfügung.

Neubeginn nach der Reformation

Die Katholikenzahlen waren verschwindend gering: In Beeskow gab es 1834 gerade mal 21. Weil auf Dauer die Seelsorge so nicht zu bewältigen war, wurden an einigen größeren Orten feste Stützpunkte geschaffen. Hier wurde heilige Messe gefeiert, Beichte gehört und seelsorglicher Rat erteilt. Beeskow erhielt 1855 auf diese Weise seine erste katholische Kirche nach der Reformation, wenn auch noch ohne eigenen Geistlichen. Diese kamen nach wie vor regelmäßig aus Neuzelle. Zur Gemeinde gehörten damals neben einigen einheimischen Katholiken vor allem in der Stadt stationierte Soldaten und polnische Arbeiter. Wenn der Priester kam, gab es einen gewaltigen Andrang in der kleinen Kirche und für manches Problem musste eine unkonventionelle Lösung gefunden werden. In der Sakristei wurde die Beichte gehört. Wer die Lossprechung erhalten hatte, musste das Beichtzimmer durchs Fenster verlassen, weil der Andrang der Wartenden einen anderen Rückweg unmöglich machte.

Das Verdienst eines evangelischen Majors

Dass es in Beeskow wieder einen katholischen Priester gibt, ist einem evangelischen Major aus Berlin und seiner katholischen Frau zu verdanken. Das Paar kaufte 1918 in der Nähe der Stadt ein Gut, richtete dort eine katholische Kapelle ein und konnte einen Kaplan anstellen. Die Freude dauerte nur kurz: 1923 musste der Major -wegen Verschuldung -das Gut wieder verkaufen. Der nachfolgende Besitzer machte aus der Kapelle eine Autogarage.

Auf den Kaplan und seine kleine Gemeinde kamen harte Zeiten zu: Die Behörden wollten den Geistlichen zunächst nicht in der Stadt dulden. Ein Gottesdienstraum fehlte und natürlich Geld. Einer, der sich für die Sorgen der Beeskower damals besonders interessierte, war der zuständige Fürstbischof von Breslau, Kardinal Adolf Bertram. Sein Bistum reichte zwar von der Ostsee bis zu den Karpaten und zählte über 1000 Gemeinden, aber die Briefe aus Beeskow ließ er direkt an sich adressieren und nicht -wie üblich -an sein Generalvikariat.

1925 wurde schließlich das Grundstück gefunden und erworben, auf dem heute die Kirche steht. Die eigenständige Kuratie Beeskow wurde zum 1. Januar 1928 gegründet. Und am 7. Oktober 1928 war Kirchweihe.

Vieles, was dann folgte, ist für die Gemeinde der ostdeutschen Diaspora typisch: Nach dem Zweiten Weltkrieg stiegen die Katholikenzahlen gewaltig an. 1949 zählte die Gemeinde etwa 1500 Mitglieder und 340 Gottesdienstbesucher. Wie anderorts auch setzte bald der allmähliche Schwund ein -mit einem neuen Höhepunkt in der Zeit nach der Wende: Mancher musste wegen der schwierigen Arbeitsmarktsituation die Stadt verlassen. Die Einwohnerzahl von Beeskow ist in den letzten zehn Jahren um ein Viertel zurückgegangen. Die katholische Gemeinde zählt heute etwa 650 Mitglieder in 69 Orten.

Ob sich der Wunsch von Ursula Pohl erfüllen wird? Eine Antwort ist schwer. "Der Glaubensmut unserer Vorfahren in schwierigen Situationen gibt uns Kraft auf unserem Weg in die Zukunft, die Gott uns schenken will", schreibt Pfarrer Leder in der Chronik. Und er fügt ein Zitat aus einem Fastenhirtenbrief des damaligen Berliner Bischofs, Kardinal Joachim Meisner, hinzu: "Wenn wir uns zum Gottesdienst in oft kleinen und kleinsten Gemeinden und Gemeinschaften versammeln, soll uns die kleine Zahl nicht lähmen, sondern die Gegenwart Christi unter den zwei oder drei, die in seinem Namen versammelt sind, soll uns ermutigen."

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 42 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Montag, 20.10.2003

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