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Bistum Dresden-Meißen

Setzt eure Fähigkeiten für die Gemeinde ein

Chemnitzer Propsteigemeinde feierte 175-jähriges Bestehen

Der Brief und der Engel: Nach dem Vorbild der Johannesbriefe schrieb die Propsteigemeinde Chemnitz einen Brief an den Engel der Gemeinde und an sich selbst.

Chemnitz -Die Propstei hat in den vergangenen Wochen viel Post bekommen. Zu 175 Jahren St. Johannes Nepomuk in Chemnitz gratulierten ehemalige Pfarrer, Kapläne und andere Absender. Der ungewöhnlichste Brief war an den Engel von St. Nepomuk adressiert und an alle Gläubigen gerichtet. Geschrieben hatte ihn die Gemeinde selbst!

Das Jubiläum fiel in das Jahr der Bibel. Das passt gut zusammen, fanden die Chemnitzer. "Wenn eine Gemeinde so lange Bestand hat, dann hatte sie eine Grundlage: Ihren Glauben, das Wort Gottes", bringt Konrad Hanisch -seit seiner Kindheit in der Pfarrei zu Hause -die Überlegungen auf den Punkt. Am Abend vor dem Festgottesdienst befassten sich deshalb Gemeindemitglieder und Gäste an 20 Tischen mit der Bibel, konkret mit den sieben Briefen der Offenbarung. Die Frage war: Was würde Johannes uns schreiben? Die Antworten wurden im genannten Brief an den "Engel vom Kaßberg" zusammengefasst. "Trotz widriger Umstände hat die Gemeinde zusammengehalten, hat die kleine Herde am Glauben festgehalten", lobte "Johannes" zunächst die Chemnitzer. Widrige Umstände herrschten zwischen dem Anfang der Nazi-Zeit und dem Ende der DDR. 1938 lösten die Nationalsozialisten die beiden katholischen Schulen auf, 1941 wurden alle drei Kapläne festgenommen -sie wollten Predigten des Bischof von Galen verbreiten. Das Gemeindeleben kam im Krieg zum Erliegen, berichtet die Chronik.

Den Bomben zum Opfer fiel auch die Pfarrkirche am Roßmarkt. Die neuen Machthaber nach 1945 verwiesen die Katholiken aus dem Zentrum und erlaubten am Kaßberg den Bau einer Kirche -allerdings ohne Turm und ohne Pfarrhaus. Die Gemeinde musste mit den engen Räumen einer Villa an der Weststraße leben. Nach der Wende konnten dann die Pläne vom Gemeindezentrum und Glockenturm umgesetzt werden.

Dass die Gemeinde die schwierige Zeit bewältigt hat, ist vor allem den Priestern und den Kreisen zu verdanken, sagen Mitglieder. Was beispielsweise Altpropst Günter Hanisch -in den 50er und 60er Jahren zuerst Kaplan und dann Studentenseelsorger in Karl-Marx-Stadt -von der Kanzel gesagt hat, erschien glaubwürdig. Das war einfach wahr und wirkte, erinnert sich beispielweise Gundula Bartosch aus dem Pfarrgemeinderat. "Ohne Gruppen trägt sich keine Gemeinde", ist Konrad Hanisch überzeugt, "das Leben in den Gruppen hat zusammengeschweißt."

"Ihr kapselt euch ab und begnügt euch mit euch selbst. ... Ihr nutzt zu viele Angebote außerhalb der Gemeinschaft und stellt sie über die Aufgaben in eurer Gemeinde", kritisiert hingegen der Briefverfasser "Johannes". Damit sei gleich die andere Seite der Medaille genannt, betonte Konrad Hanisch: "Es ist schön wenn wir uns treffen. Kommen Neue hinzu, ist es nicht mehr so gemütlich." Es mangelt an Offenheit und auch an Schritten in die Öffentlichkeit. Mit den Angeboten jenseits der Gemeinde sind bei Kindern Sportvereine, AGs oder Musikschule gemeint. "Aber auch die Erwachsenen engagieren sich oft an vielen Stellen. Es ist schwer, jemanden für längerfristige, regelmäßige Mitarbeit zu gewinnen", erklärt der Moderator des Abends.

"Setzt eure Fähigkeiten für die Gemeinde ein, besonders für die Kranken und die Alten. Kümmert euch um die Fremden und die Armen", fordert deshalb der Absender des Briefes sich selbst auf. Eine Altersgruppe legte Bischof Joachim Reinelt beim Pontifikalamt der Gemeinde besonders ans Herz: "Wo ich Jugendliche treffe, erkenne ich die Offenheit für Fragen, die uns wichtig sind. Die Jugend will mehr als platte Antworten, und ihr könnte sie geben. Geht zu den jungen Leuten, ladet sie ein!"

Die Gemeinde hat ein Bild von ihrem Engel. Ein Maler hat mit schwungvollen Strichen einen jungen, dynamischen Engel gezeichnet. Er bewegt sich leichten Fußes, mit sicheren Schritten. Seine rechte Hand ist erhoben. Vielleicht grüßte er, vielleicht weist er den Weg. Auf jeden Fall erinnert der Engel im Gemeindesaal an den besonderen Brief.

Gert Friedrich

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 42 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Montag, 20.10.2003

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