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Aus der Region

"Gott will keine ungerechte Welt"

Tag der Einheit: Bischöfe erinnern Politiker an ihre Verantwortung

Gottesdienst mit viel Prominenz: Bundespräsident Rau mit Gattin, Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Böhmer mit Lebensgefährtin und Nuntius Lajolo im Magdeburger Dom (von links nach rechts).

Magdeburg -Es war kein ganz gewöhnlicher ökumenischer Gottesdienst, mit dem die beiden großen Kirchen Sachsen-Anhalts am 3. Oktober die Feier des Tages der deutschen Einheit im Magdeburger Dom eröffneten. Einerseits fand der Gottesdienst unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen statt. Zum anderen hatten die beiden Bischöfe Axel Noack und Leo Nowak ihrer Dialogpredigt das Magnificat (Lobgesang der Maria aus dem Lukasevangelium) zugrunde gelegt. Dies sei das "subversive Lied" der kleinen Leute, betonte Domprediger Giselher Quast schon in seiner Begrüßung. Auch heute noch müssten sich alle Großen daran messen lassen, wie sie sich gegenüber den kleinen Leuten verhielten.

So ließen es sich auch die Bischöfe Axel Noack (evangelisch) und Leo Nowak (katholisch) nicht nehmen, die anwesende Politikprominenz an ihre Verantwortung für die Demokratie zu erinnern. Gerade in der Wendezeit habe das Wort von der Freiheit wie ein Zauberwort gewirkt, sagte der Bischof Leo Nowak im Beisein von Bundespräsident Johannes Rau, Bundestagspräsident Wolfgang Thierse und Bundeskanzler Gerhard Schröder. Doch Freiheit sei keine Willkür, sondern die Entscheidung für bestimmte Inhalte und Ziele, etwa die Entscheidung für das "hohe Gut der Demokratie", die Bindung an eine konkrete Verfassung oder die Menschenwürde. Freiheit bedeute deshalb keineswegs Bindungslosigkeit. "Nicht wer unverbindlich leben will, ist frei, sondern wer bereit ist, verantwortlich zu leben", so Bischof Nowak.

Das sah auch sein evangelischer Kollege in der Dialogpredigt ganz ähnlich. Nur wer sich seiner Verantwortung vor Gott bewusst ist, werde sich auch vor den Menschen verantworten können, erklärte Bischof Noack. Möglicherweise sei es eines der Probleme der Demokratie, "dass die Menschenfurcht der Regierenden und ihre Abhängigkeit von allerlei Parteiungen und Interessengruppen immer mehr zunimmt".

Übereinstimmend warnten die Bischöfe davor, den Glauben zur reinen Privatsache zu erklären. Niemand dürfe Gott vergessen oder ihn beiseite schieben "wie eine schöne Antiquität", deren man sich bei besonderen Anlässen gerne bedient, unterstrich der katholische Bischof. Hier gehe es nicht um eine Vertröstung, sondern um einen Aufruf zum Handeln für eine gerechte Welt, ergänzte Bischof Noack.

Beide Bischöfe mahnten ferner an, sich nicht mit der herrschenden Ungerechtigkeit dieser Welt abzufinden. "Auch in unserem Land darf die Suche nach Gerechtigkeit und Frieden nicht zum Erliegen kommen", unterstrich Bischof Nowak. "Gott will keine ungerechte Welt." Ihm seien die ungerechten Strukturen zuwider, "die strukturelle Sünde", dass Reiche immer reicher und Arme immer ärmer werden, sagte er mit Blick auf die anwesenden Politiker.

Auch passende Wünsche zum Einheitstag hatten die beiden Oberhirten am Ende parat: Bischof Nowak wünschte dem deutschen Volk, "dass wir uns besinnen auf das hohe Gut der Freiheit". Gut protestantisch empfahl sein evangelischer Amtsbruder Axel Noack den Zuhörern einen Glauben, der trägt und Halt gibt, sich auch einzumischen.

Martin Hanusch

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 41 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Montag, 13.10.2003

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