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Bei Ordenstracht Vertrauensvorschuss

Oratorianer Michael Ulrich: Geistliche Gemeinschaften als Hoffnungszeichen für die Kirche

Schmochtitz -Wenn Pfarrer Michael Ulrich gefragt wird, wie es Ordensleuten zu DDR-Zeiten ergangen sei, dann erzählt er gern das Beispiel von der Straßensammlung. Die Sammler, die in den 50er Jahren auf Leipzigs Straßen für die Caritas unterwegs waren, lieferten in der Regel nach mehreren Tagen einige hundert Mark ab. Eine Schwester von der heiligen Elisabeth indes brachte an einem einzigen Tag in der Stadt einige tausend Mark zusammen. Von den anderen verwundert gefragt, wie sie das denn anstelle, anwortete sie: Sie stehe einfach in Ordenstracht auf der Straße und halte die Spendenbüchse hin. Oft kämen so viele Leute, dass sie nicht hinterher komme mit Danke sagen.

Das ist nicht die einzige Episode, die Michael Ulrich kennt. Der 75-Jährige ist selbst Oratorianer, Mitglied des Verbandes der Oratorien des heiligen Philipp Neri, den es seit 1575 gibt. Priester und Laien leben darin ohne Gelübde zusammen und befolgen die so genannten "evangelischen Räte" -Gehorsam, Keuschheit, Armut. Bis 1999 war Ulrich Pfarrer in Dresden. Heute lebt er als Ruheständler im Bischof-Benno-Haus in Schmochtitz.

Einiges von seinem Wissen über Geschichte und Gegenwart der Orden im Osten Deutschlands, dazu einige Überlegungen über deren Zukunft hat er jetzt in einem Beitrag für das gerade erschienene Buch "Religion und Kirchen in Ost(Mittel)Europa: Deutschland-Ost" dargelegt.

Selbst SED-Funktionäre vertrauten Ordensleuten

In der DDR, so schildert er, war es ein offenes Geheimnis: Selbst SED-Funktionäre vertrauten, waren sie selbst krank, der Behandlung durch Ordensschwestern in konfessionellen Krankenhäusern mehr als den staatlichen Kliniken. Orden, so Ulrichs Resümee, erfreuten sich schon zu DDR-Zeiten eines "neugierigen Vertrauensvorschusses".

Anders als in den übrigen osteuropäischen Ländern waren Orden in der DDR nicht verboten worden. Klöster wurden bei der Enteignung von Großgrundbesitz nach 1945 ausgenommen und auch später nicht geschlossen. 21 Männer-Orden mit 50 Häusern und 47 Frauen-Orden mit 361 Häusern gab es in der DDR. Nach 1990 kamen neun Männer- und 21 Frauen-Orden hinzu. Im Bistum Dresden-Meißen existieren heute sieben Klöster und 20 Ordensniederlassungen. Die ältesten Klöster sind die zwei Zisterzienserinnen-Abteien St. Marienstern (Panschwitz-Kuckau) und St. Marienthal (Ostritz). Daneben gibt es ein Klarissen- Kloster in Bautzen und die Nazarethschwestern vom heiligen Franziskus in Goppeln bei Dresden. Seit 1992 sind Benediktiner in Wechselburg, seit 1994 Dominikaner in Leipzig- Wahren. Nicht zu vergessen die Schwestern von der heiligen Elisabeth im Dresdner Krankenhaus St. Joseph-Stift, die so genannten "Grauen Schwestern". Die Ordensfrauen und -männer sind heute im Hospizdienst tätig, in Schulen, in Beratungsstellen, sie helfen in der Gefängnis-, Notfall-, Ausländer- und Krankenhausseelsorge oder in einzelnen Pfarreien.

Orden seien alles andere als "museale Leitfossilien" vergangener Zeiten, meint Ulrich. Auch wenn die in der Regel kleinen geistlichen Gemeinschaften kaum ins Gewicht fallen mögen -in seinen Augen sind sie "Hoffnungssignale für kommende Entwicklungen." Denn Christen, aber auch Konfessionslose erwarteten von den Orden für die Welt von morgen nicht nur nützliche Betätigung, sondern in der Lebensweise ihrer Mitglieder das "Zeugnis einer umfassenden Sinngebung" und eine "überzeugende Spiritualität". Sie könnten ein alternatives Dasein vorleben, befreit vom Zwang, viel Geld verdienen oder sich um jeden Preis selbst verwirklichen zu müssen.

Tomas Gärtner

Karl Gabriel / Miklos Tomka u. a.:
Religion und Kirchen in Ost(Mittel)Europa:
Deutschland-Ost.
Schwabenverlag, Ostfildern;
ISBN 3-7966-1090-0,
Preis: 25,00 Euro

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 40 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Dienstag, 07.10.2003

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