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Bistum Erfurt

Nichtchristen als Suchende ernst nehmen

Gespräch mit dem Erfurter Dogmatik-Professor Josef Freitag

Prof. Josef Freitag Seit einem Jahr ist Professor Josef Freitag (50) Inhaber des Lehrstuhls für Dogmatik an der Theologischen Fakultät Erfurt. Der aus Münster stammende Priester hat bei Gisbert Greshake in Freiburg promoviert und habilitiert und von 1995 bis 2000 im Katholisch-theologischen Seminar an der Universität Marburg Religionslehrer ausgebildet. An diesem Donnerstag nun hat Freitag seine Antrittsvorlesung zum Thema "Katholizität als Lernprinzip" gehalten. Der Tag des Herrn sprach mit Professor Freitag:
Frage: Herr Professor Freitag, die Glaubenslehre der Kirche ist bei vielen nicht mehr gefragt. Wie geht es angesichts dieser Situation jemandem, der von Berufs wegen jungen Menschen die Lehre der Kirche vermitteln soll?
Freitag: Mir geht es wie den meisten Zeitgenossen: Für ganz alltägliche Dinge wie das Frühstück brauchen sie Gott nicht. Wenn es aber um bestimmte Lebensfragen geht, sieht die Sache schon anders aus. Ich mache die Erfahrung: Wo jemand merkt, dass ich Priester und Theologe bin, kommt das Gespräch sehr schnell auf den Glauben. Und dies mit Sicherheit nicht, weil sich sonst kein Gesprächsthema finden ließe. Nehmen Sie die augenblickliche Diskussion um die medizinische Nutzung von Embryonen und die Frage, wann Menschsein beginnt. Hier ist die Meinung der Kirche schon gefragt. Nur wenn es um die Konsequenzen zum Beispiel des Gebotes "Du sollst nicht töten" geht, steht der Pragmatismus im Mittelpunkt. Und dies ist der schmerzliche Punkt, für den, der die Lehre der Kirche vertritt.

Frage: An welchen Glaubensinhalten sollten Menschen heute unbedingt festhalten?

Freitag: Dass Gott für uns Mensch geworden ist, dass er von sich aus zum Wohl jedes Menschen mit letzter Entschiedenheit die Initiative ergriffen hat und daran durch Leid und Foltertod hindurch festgehalten hat. Dass Jesus Christus seine Gemeinschaft mit dem Vater mit uns Menschen teilen will und uns damit an seiner Freude und Herrlichkeit teilhaben lässt. Weil uns Gottes eigner Geist mitgeteilt ist, werden wir Zeugen seines Wirkens gerade in den Gaben, die er uns als unsere ganz persönlichen Begabungen und Fähigkeiten anvertraut hat. So dürfen wir uns in unserer Individualität einbringen für das Ganze in Kirche und Welt. Schließlich: Den einmal eingeschlagenen Weg des Glaubens bis zum Ende, bis zur Vollendung durchzuhalten, dazu befähigt uns der Heilige Geist, den wir in diesen Tagen besonders erbitten und erwarten.

Frage: Sie haben sich entschieden, in einer Region massiver kirchlicher Diaspora als theologischer Lehrer zu wirken. Warum?

Freitag: In den neuen Ländern herrscht der Ernstfall dessen, was im Westen noch bevorsteht. Hier ist das entschiedene christliche Glaubenszeugnis gefragt, das als klare Alternative zu den Auffassungen der vielen Ungetauften steht. Das habe ich als Herausforderung empfunden.

Ich habe zunehmend den Eindruck, dass die Nachwendezeit zu Ende geht und in den neuen Ländern nun gefragt wird: Wie soll es weitergehen. Ich habe aber auch den Eindruck, dass es viele Ähnlichkeiten zwischen Ost und West gibt: Zum Beispiel werden die nicht finanziellen Faktoren im öffentlichen Bewusstsein vernachlässigt, auch in der Kirche. Ein Beispiel aus dem Alltagsleben: Es wird viel für die Alterssicherung getan. Doch im Alter nutzt die beste finanzielle Sicherung ohne Freunde wenig. Hier schweigt des Sängers Höflichkeit. Im konkreten Leben dürften nicht finanzielle Fragen mindestens genauso wichtig sein wie die Finanzen: Freundschaft, Ehe, Gottesbeziehung, Gemeinschaft. Die sind weder zu kaufen, noch zu versichern. Sie setzen voraus, sich auf den anderen einzulassen. Ohne Vertrauen und Beziehung kein Leben. Bevor ich etwas davon habe, muss ich mich einlassen. Das gilt auch im Glauben, auch Gott gegenüber.

Frage: Sie haben Ihre Einführungsvorlesung mit "Katholizität als Lernprinzip" überschrieben. Gilt es genau dies zu lernen, was Sie eben angedeutet haben?

Freitag: Katholisch sein heißt, das Wesentliche geschenkt bekommen und angenommen zu haben. Es heißt aber auch, weil Gott alle Menschen in seine Gemeinschaft einlädt, offen zu sein für die Miteingeladenen. Sehe ich zum Beispiel in einem Muslimen vor allem den Fremden, den Anderen, oder denjenigen, der wie ich an Gott als Grund und Ziel des Lebens glaubt, also den Mitglaubenden? Dies gilt entsprechend für Nichtchristen. Behandle ich sie als Ungläubige, werden sie entsprechend reagieren. Behandle ich sie als Menschen, die wie ich auf der Suche nach ihrem Leben sind, und damit nach Sinn, einem Du und letztlich nach Gott, kann dieser Umgang vieles eröffnen. Es reicht also nicht, die frohe Botschaft richtig zu kennen. Es ist nötig, die anderen in ihrer Art ganz ernst zu nehmen und aus ihrer Sicht heraus den Glauben verständlich zu machen. Was traue ich einem Menschen zu, wenn ich ihm begegne? Aber auch: Mit welchem Selbstbewusstsein gehe ich auf ihn zu? Christen sind nicht solche, die es noch gibt, sondern die, deren Gaben und Möglichkeiten noch gar nicht ausgeschöpft sind. Insofern ist das Katholische nicht nur Lernprinzip für die katholischen Christen, sondern auch für alle anderen, Christen wie Ungetaufte eine große Chance.

Fragen: Eckhard Pohl

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 22 des 51. Jahrgangs (im Jahr 2001).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 31.05.2001

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