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"Mehr Vorsicht vor schwarzen Schafen"

Bischof Reinelt: Kirchliche Unternehmen besser kontrollieren

Die Deutsche Bischofskonferenz hat sich auf ihrer Vollversammlung in Fulda mit der Reform der Sozialsysteme und den Finanzskandalen kirchennaher Unternehmen beschäftigt (siehe auch Seite 1). Im Vorfeld der Beratungen äußerte sich dazu der Vorsitzende der Caritaskommission, der Dresdner Bischof Joachim Reinelt.

Frage: Herr Bischof, welchen Beitrag kann die Kirche zur laufenden Debatte um die Grenzen des Sozialstaats leisten?

Reinelt: Wir müssen für den Erhalt der sozialen Marktwirtschaft eintreten. Auch in Zeiten, in denen gespart werden muss, ist unbedingt ein scharfer Blick für die Lage der Menschen erforderlich, die Hilfe brauchen. Das ist auch eine Frage der Demokratie: Die Reformen müssen das ganze Volk und nicht nur eine gehobene Klasse berücksichtigen.

Frage: Wo sehen Sie Grenzen beim Abbau sozialer Leistungen?

Reinelt: Sie dürfen auf keinen Fall diejenigen überfordern, die die jetzt verlangten Eigenleistungen oft gar nicht erbringen können. Ich denke an die Familien mit mehreren Kindern und an die allein Erziehenden.

Frage: Was kann die Kirche dagegen tun, beim Wegfall staatlicher Sozialleistungen in die Rolle des Lückenbüßers zu geraten?

Reinelt: Dort einzuspringen, wo sonst keiner hilft, sehen wir ganz bewusst als unsere Rolle. Die Kirche hat sich immer dort engagiert, wo der Staat nicht in der Lage war, menschliche Not alleine zu beseitigen. Nur müssen wir auch die Mittel dafür erhalten. Die Kirchensteuermittel sind nicht unerschöpflich.

Frage: Die Kirchen haben ihre sozialen Dienste in den vergangenen Jahrzehnten immer stärker ausgebaut. Wo sehen Sie angesichts der knappen Mittel Sparpotenzial?

Reinelt: Für medizinische und andere Einrichtungen gibt es ganz klare staatliche Standards, die wir gar nicht aufgehen dürfen. Zudem widerspräche es der christlichen Ethik, eine Zweiklassenmedizin einzuführen, etwa ein billiges Krankenhaus für die Armen und ein hoch entwickeltes für Millionäre.

Frage: Bei kirchlichen Krankenhäusern ist mittlerweile die Einhaltung eines christlichen Profils ein Dauerthema, denn nicht wenige Mitarbeiter haben kaum Bezug zur Kirche. Wie lässt sich dieses Dilemma lösen?

Reinelt: Wenn ganz klar feststeht, dass eine kirchliche Einrichtung christliches Profil nicht mehr gewährleisten kann, dann sollten wir uns auch klar davon trennen. Die meisten unserer Einrichtungen haben mehr christliches Profil, als manchmal von außen zu erkennen ist.

Frage: Soziale Einrichtungen mit zumindest vordergründigem christlichem Anspruch schaffen der Kirche mitunter auch Probleme. Man denke nur an die Finanzskandale bei der Caritas Trägergesellschaft Trier, dem Deutschen Orden und dem Kolping-Bildungswerk Sachsen. Was kann die Kirche dagegen tun?

Reinelt: Beim Kolping-Bildungswerk Sachsen handelte es sich um ein eigenständiges Bildungsunternehmen. Da hatte die Kirche kaum Möglichkeiten einzugreifen, weil ein privater Verein Träger war. Etwas anderes ist es bei einem Orden und natürlich einer Caritas-Trägergesellschaft, bei der ein Bistum involviert ist. Dort muss die Aufsicht stärker ausgebaut werden.

Frage: War das denn bisher nicht der Fall?

Reinelt: Das ist meines Erachtens in manchen unserer Einrichtungen wirklich auf leichtsinnige Weise übersehen worden. Wir hatten das Vertrauen, dass unsere Leute in allen Situationen zuverlässig sind. In manchen Einzelfällen stellt sich dann erschreckend heraus, dass es eben auch da schwarze Schafe gibt. Deshalb ist es jetzt Auftrag eines jeden Bischofs, in seinem Bereich Aufsichtsgremien zu schaffen.

Interview: Gregor Krumpholz

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 39 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 25.09.2003

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