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Bistum Dresden-Meißen

Drehscheibe statt Abstellgleis

Die Bahnhofsmission Leipzig feiert ein doppeltes Jubiläum

Leipzig -Man begegnet ihnen auf fast allen größeren Bahnhöfen Deutschlands: den Frauen und Männern in den blauen Dienstwesten mit dem lila Kreuz im runden Signet und der Aufschrift Bahnhofsmission. Im Leipziger Hauptbahnhof stehen die Mitarbeiter derzeit vor einem doppelten Jubiläum: Am 1. Oktober vor 90 Jahren entstand aus dem Engagement christlicher Frauen die Leipziger Bahnhofsmission und vor zehn Jahren wurde sie auf ökumenischer Basis von Caritas und Diakonie neu gegründet. Der Tag des Herrn hat sich auf Europas größtem Kopfbahnhof umgeschaut:

Gerade weisen die Zeiger der Bahnhofsuhren die Mittagsstunde aus. Da zieht eine kleine Karawane von Frauen und Männern in blauen Westen mit Gepäckwagen vor sich die Blicke der wartenden oder zu ihren Zügen hastenden Reisenden auf sich. Auf Rücken und Brust prangt das Zeichen der Bahnhofsmission. Mancher einer schüttelt verwundert den Kopf darüber, dass es so etwas heute noch gibt, andere weichen erschrocken aus. Die Kolonne begibt sich zielgerichtet auf Bahnsteig zwölf. "Das ist unsere tägliche Mittagsroutine. Kurz nach 12 Uhr kommen die Züge aus Richtung Halle mit den Spätaussiedlern aus dem Aufnahmelager Friedland hier an", klärt Carlo Arena auf. Der in Rom geborene Katholik hängte Anfang der 90er Jahre seinen Job als Filialleiter einer römischen Bank an den Nagel und übersiedelte mit seiner Familie nach Leipzig, um hier der Stärkung christlicher Gemeinden zu dienen. Heute ist er stellvertretender Leiter der Leipziger Bahnhofsmission.

12.10 Uhr kommt der Zug, aber keine Spätaussiedler erscheinen. Also zum Bahnsteig 16, wo zehn Minuten später ein weiterer Zug aus Richtung Halle ankommt. Diesmal stehen die Helfer richtig. Acht Spätaussiedler sind gemeldet, an manchen Werktagen sind es 40 oder 50. Mit oft geringen Sprachkenntnissen sind sie auf der Reise in ihre zugewiesenen Wohnheime. Manche bleiben in Leipzig, andere müssen umsteigen, den richtigen Bahnsteig finden. Jeden Tag ist unter den Frauen in den blauen Westen eine, die den gleichen Weg schon hinter sich hat und die oft aufgeregten und unsicheren Menschen in vertrauter Sprache beruhigen kann. Diesmal müssen alle weiterreisen, das Gepäck wird auf die Kofferwagen verladen und keine 15 Minuten später ist jeder auf dem richtigen Bahnsteig. Dankbares Händeschütteln.

Geleitet von der evangelischen Christin Christine Sagel sind derzeit sechs Mitarbeiter in geförderten und damit befristeten Arbeitsverhältnissen bei der Bahnhofsmission beschäftigt. Unterstützt werden sie von rund 20 ehrenamtlichen Frauen und Männern. Ihr von der Bahn kostenfrei zur Verfügung gestelltes Quartier hat die Mission auf der Westseite des Bahnhofes. Von hier wird die Arbeit koordiniert, hier gibt es Räume für Gespräche, eine kleine Teeküche.

"Der Schwerpunkt unserer Arbeit liegt in der Hilfe zur Mobilität für Menschen mit Behinderungen", erklärt die Heilpädagogin Sagel. Das reiche vom Abholen an der Straßenbahn über den Kauf einer Fahrkarte bis zur Hilfe beim Einsteigen in den Zug. Dazu gehöre auch die Vermittlung von Hilfen auf dem Umsteige- oder Zielbahnhof. Doch zu den Bahnhöfen gehören seit ihrem Bestehen auch die Gestrandeten, die Aussteiger, die sozialen Problemfälle. In den noblen Etagen des Einkaufszentrums im Leipziger Hauptbahnhof sind sie nicht gern gesehen, aber sie finden sich auch im Umfeld des Messestadtbahnhofs. "Manche kommen von selbst zu uns auf der Suche nach einer Tasse Tee und einem Gespräch oder einem praktischen Rat", so Sagel.

Daneben gibt es die "aufsuchende Arbeit": Kleine Teams sind regelmäßig auf den Bahnsteigen oder im Bahnhofsumfeld unterwegs. Da trifft man auf die harmlosen Fälle, wo jemand mit Reisetasche entnervt vor dem Ankunftsplan steht und dankbar für den Hinweis auf die Tafeln mit den Abfahrtzeiten ist. Was übrigens gar nicht so selten vorkommt. Nach den Beobachtungen der Bahnhofsmission gibt es immer mehr das Auto gewohnte Menschen, die mit dem "System Bahn" nicht umgehen können. Doch ansonsten gilt: "Wir drängen uns nicht auf, aber wenn bei der zweiten Runde die gleiche Person immer noch in der Ecke sitzt, dann fragen wir, ob wir helfen können", so Carlo Arena. Manchmal sei es nur jemand, der auf seine Freundin wartet, manchmal gebe es Ablehnung, aber oft entstehe Kontakt. "Wir bieten unsere Hilfe nur an. Wenn die Menschen merken, dass wir sie nicht mit frommen Vokabeln vollquatschen wollen, dann kommen wir oft in gute und tiefe Gespräche", so Arenas Erfahrung. Oft münden diese in gemeinsame Überlegungen, wie praktische Hilfe vermittelt werden kann.

"Wir sehen uns nicht als Abstellgleis für soziale Problemfälle, sondern eher als so etwas wie eine Drehscheibe bei der Eisenbahn", beschreibt Christine Sagel das Selbstverständnis. "Wir wollen Hilfsbedürftige nicht dauerhaft an uns binden, sondern ihnen kompetente kirchliche oder staatliche Hilfsangebote vermitteln, sie sozusagen auf ein neues Gleis bringen."

Derzeit hat die Bahnhofsmission täglich zwischen 8.30 Uhr und 17 Uhr geöffnet. Gern würden die Verantwortlichen die Arbeit erweitern. Der größte Wunsch der Leiterin deshalb: "Mehr ehrenamtliche Mitarbeiter, die sich wöchentlich für ein paar Stunden in die Dienstgemeinschaft einbringen." Denn das ehrenamtliche Engagement prägt die Bahnhofsmission seit ihrer Entstehungszeit. Da die Aufgaben vielfältig sind, könne wohl jeder einen ihm zusagenden Bereich finden. Und regelmäßige Weiterbildungsangebote stehen selbstverständlich auf dem Programm der Mannschaft, die unter dem alten Motto "Menschlichkeit am Zug" ihren Dienst tut.

Harald Krille

Geschichte:

1913: Gründung der Leipziger Bahnhofmission

1915: Eröffnung des neuen Hauptbahnhofes

1939: Verbot der Arbeit, Übernahme durch die "Nationalsozialistische Volkswohlfahrt"

1945: Neubeginn

1956: Verbot der Arbeit mit der Begründung, dass die Bahnhofsmission "Spionage" betreibt, Rotes Kreuz und Volkssolidarität übernehmen die Arbeit

1993: Wiedereröffnung

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 0 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 25.09.2003

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