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Bistum Dresden-Meißen

"Einheit in Vielfalt" bleibt eine Aufgabe

Ein neues Buch über den Konflikt zwischen deutschen und sorbischen Katholikmen

Dresden (tg) -Gegen Ende wurde die Diskussion um die Historie des Bistums noch recht lebhaft. In der Bautzener Liebfrauenkirche, stets Heimstatt der Sorben, einen deutschen Pfarrer einzusetzen -"das war der ungeschickteste Schritt, den Bischof Christian Schreiber in seiner Amtszeit gemacht hat", meinte der Leipziger Historiker Daniel Fickenscher auf dem Podium. "Die Sorben mussten das so empfinden, dass ihnen die Pfarrei weggenommen wurde." Nach Ansicht des Bischofs konnte es doch aber eine Nationalitäten-Pfarrei in der katholischen Kirche nicht geben, hielt Dr. Siegfried Seifert, ehemaliger Diözesanarchivar, entgegen. Im Übrigen sei zu jener Zeit der Dompfarrer in Bautzen ein Sorbe gewesen und außerdem Willibrord Sprentzel als deutscher Pfarrer für Liebfrauen deshalb ernannt worden, weil er auch Sorbisch konnte. "Sie ziehen sich immer auf das Kirchenrecht zurück", konterte Fickenscher. "Damit erklären Sie aber die Verletzungen nicht!" Pfarrer Stephan Delan vom Cyrill-Methodius-Verein wiederum meinte, auf der Diözesan-Synode 1923 die Diskussion über nationale Fragen auszuschließen -das sei der größte Fehler von Bischof Schreiber gewesen. Professor Dietrich Scholze vom Sorbischen Institut Bautzen musste als Moderator der Podiumsdiskussion sachte bremsen. "Sie sehen", warf Fickenscher dazwischen, "wir haben da durchaus unterschiedliche Meinungen. Das ist bei der Arbeit an unserem Buch nicht unter den Teppich gekehrt worden."

Das Buch trägt den Titel "Eine Kirche -zwei Völker" (dazu auch das Interview unter diesem Beitrag), beschäftigt sich mit der Geschichte des Bistums Meißen von der Wiedergründung 1921 bis 1929 und wurde -erst kurz vor der Veranstaltung des Kathedralforums von der Druckerei ausgeliefert -im Haus der Kathedrale in Dresden erstmals vorgestellt. Alle auf dem Podium waren an der Entstehung des Buches beteiligt. Es handelt sich dabei um eine Sammlung von Quellentexten und Beiträgen über das damals äußerst gespannte Verhältnis zwischen sorbischen und deutschen Katholiken.

Dass es mitunter "heiße Diskussionen" in der "deutsch-sorbischen Arbeitsgruppe zur Bistumsgeschichte des 20. Jahrhunderts" gab, hatte schon der Dresdner Prälat Dieter Grande in seinem Vortrag erwähnt. Er ist der Initiator des Forschungsprojektes.

Als "Erfolg" wertete Scholze, dass in dem Buch vom "sorbischen Volk" gesprochen werde. Bis heute sei ja umstritten, ob es sich bei den Sorben um eine "Volksgruppe" oder ein "Restvolk" handele. "Volk" aber -diese Bezeichnung sei berechtigt. "Mit dem Buch haben wir jetzt den kanonischen Beweis", fügte er scherzhaft hinzu.

Seifert warb um ein Verstehen des Handelns der Konfliktparteien aus der Geschichte heraus. So sei die katholische Kirche, nach der bitteren Erfahrung der Dominanz des Nationalismus über den Katholizismus (im Sinne von weltweiter Christenheit) im Ersten Weltkrieg von dem Gedanken beseelt gewesen, nationale Unterschiede im Bistum zu überwinden. "Wir können das Vergangene nicht mit unseren heutigen Erkenntnissen belasten", fügte er hinzu. "Wir können nur versuchen, die Ereignisse aus ihrer Zeit heraus zu verstehen."

Das Ziel der Bistums-Wiedergründung, die Katholiken zur Einheit zu führen, sei 1921 nicht erreicht worden, so das Fazit des Vortrages der Bautzener Diözesanarchivarin Birgit Mitzscherlich. Die Schuld dafür trügen weder die Sorben noch die Bistumsleitung allein. So bleibe es die Aufgabe für den Bischof und die Gemeinden im Bistum, für eine "Einheit in Vielfalt" Sorge zu tragen.

Buchhinweis: Dieter Grande / Daniel Fickenscher (Hg.): Eine Kirche -zwei Völker. St. Benno-Verlag Leipzig und Domowina-Verlag Bautzen 2003; ISBN 3-7462-1642-7 bzw. 3-7420-1926-0; Preis: 24,80 Euro

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 0 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Mittwoch, 17.09.2003

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