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Aus der Region

Gewohnheiten ändern

Deutscher Senior-Direktor von McKinsey zur Finanzlage der Kirche

Die Kirchen stecken in der Finanzkrise. Sinkende Steuereinnahmen durch weniger Christen oder eine immer älter werdende Bevölkerung sind nur einige Ursachen dafür. Thomas von Mitschke-Collande, Jahrgang 1950, katholischer Christ, ist deutscher Senior Director der Unternehmensberatung McKinsey und berät unter anderem die Deutsche Bischofskonferenz sowie verschiedene Bistümer, zuletzt das Erzbistum Berlin. Der Tag des Herrn sprach mit dem promovierten Betriebswirt über die finanzielle Lage der Kirchen.

Herr von Mitschke-Collande, Sie unterstützen seit einigen Jahren die Deutsche Bischofskonferenz, aber auch verschiedene Bistümer. Können die Kirchen nicht mit Geld umgehen?
Kirchen können sehr gut mit Geld umgehen. Das ist nicht das Thema. Es gibt Bistümer, die ihre Finanzen effektiv einsetzen und im Griff haben. Es wird aber für die Kirchen immer schwieriger einzuschätzen, ob sich die Einnahmen so weiter entwickeln, wie es in der Vergangenheit gewesen ist, und wenn nicht, was zu tun ist.
Was haben Sie den Kirchen gebracht, was vorher nicht da war?
Mit dem Blick auf die Finanzsituation einzelner Bistümer haben wir vor allem versucht, eine langfristige Perspektive zu eröffnen. Bisher ist die finanzielle Planung in vielen Bereichen eher kurzfristig gewesen. Wir zeigen, wie es in fünf oder zehn Jahren eigentlich aussieht und welche tatsächlichen Lücken zwischen Einnahmen und Ausgaben dann vorhanden sind. Daraus entwickeln wir gemeinsam mit den Verantwortlichen Finanz- und Organisationspläne, die Schritt für Schritt abgearbeitet werden. Ziel ist es unter anderem, aus den jährlich sich wiederholenden Sparzwängen und -diskussionen herauszukommen. Sparen kann kein Dauerzustand sein, der sich wie Mehltau über eine Organisation wie die Kirche legt.
Kirche ist aber kein Unternehmen im eigentlichen Sinn. Es geht oft um Irdisches, zu allererst aber um Religiöses. Wie sind Ihre Mitarbeiter für diese Aufgabe gerüstet?
Es gibt in der Kirche zwei Komponenten, die entscheidend sind. Einmal die pastorale Arbeit, zum anderen die organisatorische. Zu den pastoralen Konzepten können wir keinen Beitrag leisten. Dazu sind wir auch nicht ausgebildet. Als Christ kann man zwar zu diesen oder jenen Dingen seine persönliche Meinung haben, als Berater sind das aber Tabuthemen.
Man hat oft den Eindruck: Wenn gespart wird, wird von unten gespart, beim Küster, beim Kirchenmusiker oder bei der Gemeindereferentin. Muss nicht aber grundsätzlich etwas in der kirchlichen Organisation passieren?
Wie gesagt, sparen kann nicht das Dauerthema sein. Die Umstrukturierung im finanziellen Bereich ist von Bistum zu Bistum unterschiedlich. Ich glaube, es geht darum, sich von der einen oder anderen liebgewordenen Gewohnheit, die in den letzten Jahrzehnten gewachsen ist, zu trennen. Und das nicht nur im Bereich der Flächenorganisation, sondern auch im Bereich der Verwaltung. Bisherige Tabus müssen in Frage gestellt werden. Kann man, vor allem im Osten, nicht viel stärker auf den verschiedensten Ebenen zusammenarbeiten beziehungsweise Aufgaben gemeinsam erledigen? Das sind durchaus Überlegungen, die man anstellen muss. Wichtig ist, dass die Kirche sich vor allem auf ihre Stärken besinnt. Welche Organisation mobilisiert Sonntag für Sonntag vier Millionen Mitglieder? Weit über ihre Mitglieder hinaus gilt die katholische Kirche wegweisend in ethischen Fragen der Gesellschaft. Viele schätzen vor allem ihr soziales Engagement und ihren Einsatz für die Menschen am Rande der Gesellschaft. Das Evangelium ist im Kern eine zeitlose, unverändert attraktive Botschaft.

Interview: Andreas Schuppert

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 0 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Mittwoch, 17.09.2003

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