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Auf zwei Minuten

Gib, was du empfangen hast

Gedanken von Pater Damian

Beim Besuch in einem Asylheim der Stadt traf ich ein junges Ehepaar aus Nigeria. Die beiden waren erst vor ein paar Monaten als Asylsuchende nach Deutschland gekommen und sprachen noch wenig Deutsch. Im Gespräch -auf Englisch -stellte sich heraus, dass sie katholische Christen sind und sogar die Dominikanerkirche in Lagos kennen. Sie waren glücklich, einen katholischen Priester zu treffen, und baten mich, mit ihnen zu beten und sie zu segnen. Was mich am meisten beeindruckte: Sie luden mich spontan zum Essen ein. Ein Freund hatte ihnen die Zutaten zu einem typisch nigerianischen Essen aus scharf gewürztem Hühnerfleisch und Maniokbrei gegeben. Sie brachten mir bei, wie man den Brei in der Hand zu einer Kugel rollt und in die Fleischbrühe taucht. Eine so herzliche und fröhliche Atmosphäre hatte ich lange nicht mehr erlebt. Die Leute waren bitter arm und lebten mit ihrem spärlichen Hausrat in diesem engen Container. Aber sie haben weitergeschenkt, was sie empfangen haben: ihren von Gott gegebenen Glauben und ihre Fröhlichkeit und Herzlichkeit und ihre starke Zuversicht trotz aller Schwierigkeiten. Und sie haben ihr Mahl mit mir geteilt.

Beim Abschied haben sie sich immer wieder bedankt dafür, dass ich nicht an ihrer offenen Tür ohne Gruß vorbeigegangen bin und sie besucht und mit ihnen gegessen habe. Und dabei hatte ich doch eigentlich zu danken! Ich fühlte mich von ihnen reich beschenkt. Ich habe sie zu unserem Pfarrfest eingeladen, und sie haben versprochen, zusammen mit einigen Freunden zu kommen.

Durch dieses Erlebnis ist mir wieder bewusst geworden: Wir alle haben Gaben von Gott empfangen, die wir mit anderen Menschen teilen dürfen und sollen: neben materiellen Gütern vor allem unseren Glauben, unsere Hoffnung, unsere Liebe. Niemand ist in dieser Beziehung so arm, dass er nichts zu geben hätte. Und auch das ist ja eine wunderbare Erfahrung, dass man mehr davon zurückhält, je mehr man von diesen geistigen Gaben weitergibt. Paulus erzählt von der Gnade, die Gott den Gemeinden in Mazedonien geschenkt hat: "Während sie durch große Not geprüft wurden, verwandelten sich ihre übergroße Freude und ihre tiefe Armut in den Reichtum ihres selbstlosen Gebetes" (2 Kor 8,2). L. Weingärtner fasst es so zusammen: "Trösten kann nur, wer Trost empfing, / lieben kann nur der Geliebte, / nur der, dem Vergebung ward, kann selber vergeben. / Nur, wer geborgen, kann bergen, / Gnade üben, wer Gnade erfuhr, / helfen der, dem geholfen, / segnen der, der gesegnet ward, /geben, der selbst empfangen. / Nur der Versöhnte vermag zu versöhnen."

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 0 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Mittwoch, 03.09.2003

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