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Aus der Region

Erwachsenwerden begleiten

Interview mit Ordinariatsrat Weinrich

Ordinariatsrat Weinrich Erfurt - In diesen Wochen finden wieder zahlreiche Jugendweihefeiern statt. Inzwischen gibt es in einigen Städten aber auch die von kirchlicher Seite für ungetaufte Jugendliche angebotenen Lebenswendefeiern. Der in Berlin gegründete Verein Maiglocke e.V. will ebenfalls eine Alternative zu den Jugendweihen bieten. Der Leiter des Katholischen Büros Erfurt, Ordinariatsrat Winfried Weinrich, plädiert dafür, konfessionslosen Jugendlichen nur Feiern anzubieten, die mit einer Reflexion des Erwachsenwerdens und ethischen Orientierungsangeboten einhergehen. Der Tag des Herrn sprach mit ihm.

Rund 70 Prozent der junge Leute in den neuen Bundesländern nehmen an der Jugendweihe teil. Eine Tatsache, die man so stehen lassen muss?
Junge Leute wünschen sich am Übergang zum Erwachsenwerden eine Feier. Sie suchen damit - sicher weithin unbewusst - nach Ritualen, die sinnstiftende Elemente vermitteln und Fragen nach Wert, Würde und Sinn des Lebens aufgreifen. Wenn sie keine Christen sind, bietet sich ihnen die Teilnahme an den Jugendweihefeiern, wie sie vielfach veranstaltet werden, an.
Für eine gute Lösung halten Sie das aber nicht?
Ein Angebot der Feier des Erwachsenwerdens für konfessionslose Jugendliche gerade hier in den neuen Bundesländern ist durchaus sinnvoll. Unbedingt wünschenswert ist dabei aber, dass eine solche Feier mit einer inhaltlichen Vorbereitung verbunden ist, bei der den Jugendlichen Orientierungshilfen für ihr Leben angeboten werden. Dies scheint bei den meisten der Jugendweihefeiern nicht der Fall zu sein.
In der DDR waren die Jugendweihen Bekenntnis zum sozialistischen Staat, der sich weithin kämpferisch atheistisch gab. Wieweit spielt das areligiöse Bekenntnis bei den heutigen Jugendweihen eine Rolle?
Es gilt zu differenzieren zwischen den Jugendweihen und den Jugendfeiern: Die Jugendweihen, wie sie hier in Thüringen vielfach anzutreffen sind, werden von der Interessenvereinigung für humanistische Jugendarbeit und Jugendweihe e.V. angeboten. Die Vereinigung ist aus den DDR-Jugendweiheausschüssen hervorgegangen. Eine offene antikirchliche Ausrichtung der Jugendweihen ist nicht erkennbar, wenngleich der religiöse Begriff "Weihe" beibehalten wurde. Falls es eine Vorbereitung der Jugendlichen auf die Feier gibt, so besteht diese in der Regel in einer gemeinsamen Fahrt. Die Jugendfeiern werden vom Humanistischen Verband Deutschlands angeboten. Der Verband, der 1993 aus dem früheren DDR-Freidenkerverband hervorgegangen ist, versteht sich als Interessenvertreter für Deutschlands Konfessionslose. Auch wenn die Feiern selbst keinen antireligiösen oder antikirchlichen Charakter haben, so geht aus dem Programm des Verbandes durchaus eine solche Ausrichtung hervor.
In Erfurt, aber auch in Dessau, Halle, Leipzig, Magdeburg und Nordhausen gibt es von kirchlicher Seite angebotene Feiern der Lebenswende - ein Angebot, das es auszubauen gilt?
Ich halte die Lebenswendefeiern für nicht getaufte Jugendliche für eine gute Sache, weil sie gemeinsam mit den Jugendlichen über Wochen hinweg vorbereitet werden und dabei das Erwachsenwerden reflektiert wird. Sie sind jedoch aus konkreten Situationen he-raus - im Umfeld katholischer Gymnasien entstanden - und insofern nicht überall realisierbar und fächendeckend übertragbar.
In Berlin ist Anfang des Jahres der Verein Maiglocke gegründet worden, der konfessionslosen Jugendlichen in den neuen Ländern eine Alternative zur Jugendweihe anbieten will. Was halten Sie davon?
Ich begrüße dieses Angebot. Damit wird versucht, den berechtigten Wunsch der jungen Leute nach einer Initiationsfeier in sensibler, unbelas-teter und verantwortungsvoller Weise aufzugreifen. Nach Angaben des Vereins Maiglocke sollen jungen Leuten im Rahmen der Vorbereitung auf eine entsprechende Feier Werte auf der Basis der christlichen Grundlagen unserer Kultur vermittelt werden. Die Zusammensetzung des Vereinspräsidiums zeigt, dass es sich um ein überparteiliches, zivilgesellschaftliches Angebot handeln soll. Ob sich das Angebot durchsetzen kann, bleibt abzuwarten.
Sollten katholische Christen diese Initiative unterstützen, vielleicht sogar Mitglied des Vereins werden?
Wie zum Beispiel bei der Erarbeitung des Ethiklehrplanes für die konfessionslosen Schüler in Thüringen Christen mitgewirkt haben, kann ich mir gut vorstellen, dass Christen etwa auch den Verein Maiglocke unterstützen können.
Die Veranstalter der Jugendfeiern und -weihen laden nicht selten Politiker demokratischer Parteien ein, die Festansprache zu halten. Eine Chance für Politiker und Jugendliche?
Ich denke, Politiker sollten genau hinsehen, woran sie sich beteiligen. Es gilt die Angebote zu unterstützen, die mit einer geeigneten Vorbereitung und Reflexion des Erwachsenwerdens einhergehen, sich von Firmung und Konfirmation unterscheiden, sich am Werteverständnis des Grundgesetzes orientieren und keine antireligiösen oder antikirchlichen Tendenzen haben.

Fragen: E. Pohl

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 22 des 51. Jahrgangs (im Jahr 2001).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 31.05.2001

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