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Auf zwei Minuten

Das erste und das letzte Wort

Vor dem Schlafengehen wieder eine Zeit des Schweigens einlegen.

Pater Damian

"Wir schweigen am frühen Morgen des Tages, weil Gott das erste Wort haben soll. Und wir schweigen vor dem Schlafengehen, weil Gott auch das letzte Wort gehört" (Dietrich Bonhoeffer). Dieses Wort Bonhoeffers ist für uns alle eine große Herausforderung. Welche Zeit und welche Chance räume ich Gott ein, mit mir zu reden? Kann ich still werden und schweigen, oder bin ich stets auf "Sendung" statt auf "Empfang" eingeschaltet? Viele Menschen lassen sich mit Radiomusik aus dem Schlaf wecken. Beim Waschen und Ankleiden hören sie die ersten Nachrichten des Tages. Dann kommt die Zeitung und das Frühstück, und dann geht es an die Arbeit. Da bleibt morgens keine Zeit der Stille und des Schweigens. Und oft endet der Tag damit, dass sie vor dem Fernseher einnicken und schließlich mit den letzten Eindrücken vom Gesehenen zu Bett gehen und einschlafen.

Um Gott zu Wort kommen zu lassen, bedarf es des Schweigens

So hat der Tag keinen rechten Anfang und kein rechtes Ende. Anfang und Ende sind aber besonders prägende Zeiten. Ein guter Start in den Tag hängt nicht in erster Linie von der richtigen Margarine und dem gesunden Frühstück ab, sondern davon, mit welchem spirituellen Gepäck ich in den Tag schreite: Habe ich nach dem Aufstehen Gott für den neuen Tag gedankt, dafür, dass ich leben darf? Habe ich mir ein Wort von ihm geben lassen, das mich durch den Alltag tragen kann? Um Gott zu Wort kommen zu lassen, dazu bedarf es unserer Sammlung und unseres Schweigens. "Anfang gut, alles gut" gilt hier ebenso wie das bekannte Wort "Ende gut, alles gut". Im Prolog zur Regel des heiligen Benedikt heißt es: "Auf also endlich, auf mit uns, denn die Heilige Schrift spornt uns an: ‚Jetzt ist die Stunde da, vom Schlafe aufzustehen.' Unsere Augen offen für das Licht, das uns göttlich macht. Lasst uns auf die göttliche Stimme horchen, die in unseren Ohren donnert, wenn sie uns täglich ruft und ermahnt und spricht: ‚Heute, wenn ihr auf seine Stimme hört, verhärtet nicht eure Herzen!'"

Vor dem Schlafengehen wieder eine Zeit des Schweigens einlegen, den Tag Revue passieren lassen und Gott Gelegenheit geben, uns und unser Tageswerk durch ein gutes Wort anzunehmen. Bei der abendlichen "Gewissenserforschung" geht es nicht so sehr darum, seine Sünden und Fehler aufzulisten, sondern zu entdecken, wie uns Gott am Tag begegnet ist, wie wir ihn in der Begegnung mit anderen Menschen erfahren haben. Das bedeutet, mit dem Herzen horchen, mit dem ganzen Wesen. Die Weisheit Kohelets gilt: "Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit ... eine Zeit zum Schweigen und eine Zeit zum Reden" (Koh 3).

Pater Damian Meyer

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 35 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 31.08.2003

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