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Bistum Görlitz

Wir sind doch keine Behörde für Kuranträge

Bernd Lattig von der Caritas-Kreisstelle Cottbus sieht eine zunehmende Zweigleisigkeit zwischen Cari

Wünscht sich ein besseres Miteinander von Caritas und Pastoral: Bernd Lattig leitet die Caritas-Kreisstelle in Cottbus.

Die Verbindung zwischen der Arbeit des Caritasverbandes und der Caritas-Arbeit in den Pfarrgemeinden ist Bernd Lattig ein besonderes Anliegen. Der Leiter der Caritas-Kreisstelle Cottbus hat das Thema "Caritas der Gemeinde" deshalb zur Chefsache gemacht. Warum?

Der TAG DES HERRN sprach mit Bernd Lattig:

Frage: Herr Lattig, warum ist Ihnen die Verbindung zwischen dem Caritasverband und den Pfarrgemeinden so wichtig?

Lattig: Die Kirche hat drei Grundfunktionen: Gottesdienst, Verkündigung und Diakonie. Auf keines dieser drei Elemente kann Kirche verzichten. Das habe ich in meiner Ausbildung gelernt. Und ich denke, das hat auch heute noch seine Gültigkeit. Allerdings beobachte ich in unserer Kirche häufig eine Konzentration auf Gottesdienst und Verkündigung. Dass auch die Caritas zur Kirche gehört, ist nicht immer im Blick. In den Zeit seit der Wende sehe ich verstärkt diese Zweigleisigkeit: Hier die Pastoral oder Seelsorge, dort die Caritas. Diese Sicht ist falsch: Caritas und Seelsorge gehören zusammen. Als Caritas fragen wir zwar nicht zuerst nach dem Taufschein, aber wir verstehen unsere Tätigkeit als Erfüllung des Auftrags der christlichen Nächstenliebe, wie er dem Evangelium entspricht. Bei allen Veränderungen der Caritas-Arbeit in den letzten Jahren -dieser Grundauftrag ist geblieben.

Frage: Sie sprachen gerade die Veränderungen seit der Wende an. Sind die neuen Möglichkeiten für Kirche und Caritas Ursache für das von Ihnen beschriebene Problem?

Lattig: Das ist sicher ein Grund. Seit 1989 hat sich vieles verändert -in der Gesellschaft, aber auch in der Kirche. Die Möglichkeiten der Caritas-Arbeit haben sich kolossal vergrößert. Grund dafür ist vor allem die von Bund, Land oder Kommune geförderte soziale Arbeit. Während ich zu DDR-Zeiten hier als Ein-Mann- Betrieb tätig war, habe ich heute etwa 60 Mitarbeiter. Dem gegenüber stehen eher negative Veränderungen in den Gemeinden: Viele Pfarreien werden kleiner, weil das Interesse an Glaube und Kirche in der Bevölkerung abnimmt und nach wie vor aktive Christen in den Westen abwandern. Es fehlt Priesternachwuchs und die weniger und älter werdenden Pfarrer habe ja heute auch mit vielen neuen Aufgaben zu kämpfen. Trotzdem frage ich mich: Warum kommt so selten ein Pfarrer in die Caritas-Kreisstelle?

Frage: Hat das Interesse für die Caritas-Arbeit nur bei den Pfarrern abgenommen oder gilt das auch für das karitative Engagement der Gemeinden?

Lattig: Nein. Hier sehe ich sogar eher eine positive Entwicklung. Nach wie vor gibt es in den Gemeinden eine hohe Bereitschaft zu ehrenamtlicher karitativer Arbeit. Das zeigt sich daran, dass einige neue ehrenamtliche Caritaskreise entstanden sind. Sie widmen sich beispielsweise der Arbeit mit Aussiedlern oder Senioren. Einschränkend muss ich allerdings sagen, dass die Situation in Cottbus hier noch vergleichsweise gut ist. Hier gibt es relativ große Pfarrgemeinden. In den ländlichen Strukturen mit ihren kleinen Pfarrgemeinden ist das ungleich schwieriger.

Frage: Für die vielen neuen Möglichkeiten braucht die Caritas qualifizierte Mitarbeiter. Wegen der großen Zahl sind diese vielleicht nicht mehr alle katholisch. Liegt eine Ursache für das Nebeneinander bei der Caritas selbst, weil es für sie schwierig ist, das katholische Profil zu behalten?

Lattig: Das glaube ich nicht. Im Kernbereich unserer Arbeit sind etwa 95 Prozent der Mitarbeiter katholisch, die anderen sind aktive evangelische Christen. Schwierig ist das allerdings bei den Sozialstationen: Hier sind nicht alle Mitarbeiter Christen. Dass sie gegenüber der katholischen Kirche loyal sind, ist allerdings selbstverständlich, denn das steht schon in ihren Dienstverträgen. Darüber hinaus gibt es aber auch viele Möglichkeiten zum Gespräch über diese Fragen. So haben auch unsere nicht christlichen Mitarbeiter am so genannten Leitbild des Caritasverbandes für unser Bistum mitgeschrieben.

Frage: Welche konkreten Defizite sehen Sie im Miteinander von Caritas und Pastoral?

Lattig: An erster Stelle steht das Interesse füreinander, das eng mit einer gegenseitigen Information verbunden ist. Zu DDR-Zeiten war der Kontakt zwischen Dekanatsfürsorger und Pfarrer ganz selbstverständlich. Heute funktioniert das in vielen Fällen nicht. Als Caritas haben wir kürzlich einmal den Versuch gemacht und die Gruppe der Gemeindereferenten angesprochen. Wir haben uns gegenseitig informiert und unsere Wünsche geäußert. Vielleicht ist das ein Anfang. Übrigens hat auch der Bischof dieses Problem gesehen und deshalb darauf hingewiesen, dass in allen Dekanaten wenigstens einmal im Jahr ein gemeinsamer Konvent von pastoralen und karitativen Mitarbeiter stattfinden soll. Ein zweites Defizit besteht darin, dass ich mich häufig von der Kirche allein gelassen fühle. Es gibt viele Gelegenheiten, bei denen ich -als Kreisstellenleiter -gegenüber der Gesellschaft die katholische Kirche allein vertreten muss. Dann fühle ich mich mitunter auf verlorenem Posten. Das ist in der evangelischen Kirche anders. Hier werden meine Kollegen von der Diakonie häufig von einem Pfarrer unterstützt. Ein solches gemeinsames Auftreten hat in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit eine ganz andere Wirkung. Ein dritter Punkt liegt mir am Herzen: Wir brauchen auch im diakonisch-caritativen Bereich mehr ökumenisches Miteinander. Wir müssen unsere Kräfte bündeln, denn wir leben nicht mehr in der Zeit der Volkskirche, wo wir glauben konnten, dass wir die Probleme jeweils für uns allein lösen konnten. Hier in Cottbus habe ich deshalb seit einiger Zeit einen Gesprächskreis mit den evangelischen Sozialarbeitern und pflege Kontakte zu evangelischen Pfarrern.

Frage: Was wünschen Sie sich für das Miteinander von Caritas und Pastoral?

Lattig: Ich wünsche mir, dass die Caritas wieder mehr als Grundvollzug der Kirche gesehen wird. Wir sind keine Behörde, die Anträge für Müttergenesungskuren ausfüllt, die die Schulden anderer Leute reguliert oder deren Eheprobleme löst. Wir tun das im Auftrag der Kirche und im Sinne der Forderungen des Evangeliums. Deshalb hat unsere Arbeit einen missionarischen Aspekt, den man der Caritas heute oft nicht zugestehen will. Tatsächlich unterstützen wir die Pastoral mit unseren Mitteln. Wir brauchen aber auch deren Unterstützung für unsere nicht gerade leichte Arbeit im sozialen und gesellschaftlichen Bereich.

Fragen: Matthias Holluba

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 35 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 31.08.2003

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