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Auf zwei Minuten

Echte und fragwürdige Opfer

von Pater Damian

Pater Damian Meyer Nicht wenige Menschen haben die Vorstellung: Wenn ich zu Gott kommen will, muss ich zuerst oder vor allem Opfer bringen, denn das ist der sicherste und schnellste Weg. Vielleicht haben sie schon in früher Kindheit gehört: "Der Mensch ist so viel wert, als er Opfer bringt". Bei einer Volksmission 1949 wurde uns Kindern immer wieder der Merksatz vorgestellt: "In den Himmel muss ich kommen, mag es kosten, was es will." Und dabei meinte der Prediger den Einsatz und die Opferbereitschaft des Einzelnen. Damit war zwischen Gott und dem Menschen ein tiefer Graben, ein dunkles, unheimliches Land voller Opfer und Schmerzen. Woher den Mut nehmen, dies Land zu betreten?
In diesem Denken stecken fundamentale Irrtümer. Zunächst: Der Weg zu Gott beginnt nicht mit Opfern! Am Anfang steht die frohe und frei machende Botschaft vom kommenden Gottesreich, im dem uns Gott alles Gute und Schöne, ja, sich selbst schenken will. Am Anfang steht eine Einladung, ein unerhörtes Angebot.
Weiter: Wenn von "opfern" und "aufopfern" im Leben des Christen die Rede ist, heißt das doch: Ich gebe etwas auf, um eines höheren Gutes willen. Nehmen wir ein Kind beim Spielen. Als der Vater heimkommt, läuft es ihm mit offenen Armen entgegen und lässt sein Spielzeug liegen. Die Freude am Vater hat alles andere überstrahlt. Es hat seine Spielsachen liegen lassen und "ein Opfer gebracht". Aber dieses Opfer ist keine dunkle Last, sondern ein frohes Aufgeben um eines Größeren, Schöneren willen. Hier ist das "Opfer" ein Ausdruck der Liebe, es ist sinnvoll und schön. Und Zeichen der Liebe zu geben, macht glücklich. Ein dritter Irrtum besteht in der Aussage, dass das Wichtigste auf dem Weg die Opfer seien. Das Wichtigste ist die Liebe. Und die Liebe drückt sich nicht nur im Opfer und Verzicht aus, sondern auch im Dank, im Jubel, in der Anbetung, im Vertrauen.

Gott will von uns nicht das Schwere, sondern das Gute. Aber das Gute ist oft schwer zu tun, und da verlangt es echte Opfer: Opfer des Einsatzes, Übungsopfer, Opfer der Annahme eines Leidens, das man nicht heilen kann. Die folgende Geschichte macht das deutlich: Es gingen drei Leute auf der Landstraße, ein junger Bursche, ein Mann und ein Alter. Jeder von ihnen schleppte einen schweren Rucksack. Da kam vom Seitenweg einer dazu, der wie ein Wanderer aussah. Es war aber ein Engel des Herrn. Er gesellte sich zu den dreien und fragte sie: "Was tragt ihr da für schwere Lasten?" Sie antworteten: "Wir tragen Steine." "Wozu denn das?", wollte der Engel wissen. Der Mann antwortete: "Wir bauen eine Kirche, und ich habe die fehlenden Steine für ein Mosaik geholt, weil es in dieser Woche fertig sein muss." "Gut", sagte der Engel. "Und du?" - "Ich übe mich", sagte der junge Bursche. "Wer weiß, welche Last mir Gott noch einmal zu tragen gibt. So übe ich mich, damit ich kräftig werde und bereit bin. - "Gut", sagte der Engel und wandte sich zum Alten: "Und du?" - "Ich bin alt und im Ruhestand. Es geht mir in allem gut, vielleicht zu gut. Da habe ich mir zur Ehre Gottes ein Opfer auferlegt und trage jede Woche diesen Rucksack vier Stunden lang." "So", antwortete darauf der Engel, "glaubst du, das Gott das wohlgefällig ist?"

Pater Damian Meyer

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 5 des 51. Jahrgangs (im Jahr 2001).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 04.02.2001

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