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Aus der Region

Wirklich sein

Wer liebt und geliebt wird, der gewinnt eine neue Stufe der Wirklichkeit.

Pater Damian

"Das Holzpferd lebte länger in dem Kinderzimmer als irgendjemand sonst. Es war so alt, dass sein Stoffüberzug ganz abgeschabt war. ‚Was ist wirklich?' fragte eines Tages der Stoffhase, als sie Seite an Seite in der Nähe des Laufställchens lagen. ‚Bedeutet es, Dinge in sich zu haben, die summen, und mit einem Griff ausgestattet sind?' ‚Wirklich', antwortete das Holzpferd, ‚ist nicht, wie man gemacht ist. Es ist etwas, was an einem geschieht. Wenn ein Kind dich liebt für eine lange Zeit, nicht nur, um mit dir zu spielen, sondern dich wirklich liebt, dann wirst du wirklich.' ‚Tut es weh?', fragte der Hase. ‚Manchmal', antwortete das Holzpferd, denn es sagte immer die Wahrheit. ‚Geschieht es auf einmal oder nach und nach?' ‚Du wirst', sagte das Holzpferd. ‚Es dauert lange. Darum geschieht es nicht oft an denen, die leicht brechen oder scharfe Kanten haben oder die schön gehalten werden müssen. Im Allgemeinen sind zu der Zeit, wenn du wirklich sein wirst, die meisten Haare verschwunden, deine Augen ausgefallen, du bist wacklig in den Gelenken und sehr hässlich. Aber das ist überhaupt nicht wichtig; denn wenn du wirklich bist, kannst du nicht hässlich sein, ausgenommen in den Augen von Leuten, die keine Ahnung haben.' ‚Ich glaube, du bist wirklich', meinte der Stoffhase. Das Holzpferd lächelte nur." (M. Williams).

Erst die Liebe macht den Menschen lebendig

Es ist erstaunlich, was ein beschädigtes Holzpferd, ein abgewetzter Teddybär oder eine unansehnliche Puppe einem Kind bedeuten können. Es scheinen doch nur leblose, nicht sehr kostbare Sachen zu sein, die man leicht gegen neue Spielzeuge austauschen könnte. Nein, sie sind nicht einfach zu ersetzen. Diese geliebten Begleiter des Kindes haben eine so innige Beziehung zum Kind erlangt, dass sie zu einer neuen Wirklichkeit geworden sind. Fast könnte man sagen, sie sind lebendig geworden. Es ist beeindruckend und manchmal auch erschütternd, wie ältere Leute Stofftiere oder Puppen aus ihrer Kindheit aufbewahrt und ihnen eine Platz im Wohnzimmer gegeben haben. Vereinsamte Menschen sprechen dann sogar mit ihnen.

Dasselbe gilt in verstärktem Maße für die Beziehung des Menschen zu Haustieren. Wie steht es mit der Beziehung von Menschen untereinander? Wer liebt und geliebt wird, der gewinnt eine neue Stufe der Wirklichkeit. Indem er anderen viel bedeutet, für sie wertvoll ist, gewinnt er an Identität. Je mehr er gibt und sich verausgabt, desto stärker verwirklicht er sich selbst. Das bloße Dasein wächst über sich hinaus zum Sein-für-andere. Erst Liebe macht lebendig: "Wir wissen, dass wir aus dem Tod in das Leben hinübergegangen sind, weil wir die Brüder lieben. Wir nicht liebt, bleibt im Tod" (1 Joh 3,14)

Pater Damian Meyer

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 33 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Montag, 18.08.2003

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