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Bistum Dresden-Meißen

"Ich habe noch keinen Tag bereut ..."

Schwester Andrea Zyball und das St. Annaheim in Dresden

Sr. Andrea: Die gebürtige Ostpreußin fand bei den Nazarethschwestern eine neue Heimat und Aufgaben, die sie erfüllten.

Dresden -Natürlich ist das Leben auch an ihr nicht spurlos vorübergegangen, und in 50 Jahren Ordensleben hat Schwester Andrea viel erlebt. Doch sie wirkt frisch, aus ihren Augen strahlt Wärme und aus ihren Worten Begeisterung, wenn sie davon erzählt.

1934 wurde sie im ostpreußischen Ermland als siebtes von neun Kindern geboren und auf den Namen Erna getauft. Im Februar 1945 musste sie miterleben, wie ihr Vater zusammen mit fünf anderen Männern -teils Nachbarn, teils Flüchtlinge -auf dem heimatlichen Hof von russischen Soldaten erschossen wurde. Nur durch das beherzte Eingreifen eines russischen Offiziers, der auf dem Nachbarhof stationiert war, wurden die weiteren Familienmitglieder verschont. Die heimatvertriebene Familie kam 1947 nach Chemnitz. Da Erna unbedingt einen sozialen Beruf ergreifen wollte, machte ihre Schwester, die selbst bereits bei den Nazarethschwestern eingetreten war, sie auf die Möglichkeit aufmerksam, sich in Goppeln als "Vorschülerin" in der Krankenpflege ausbilden zu lassen. So kam sie nach Goppeln -dachte aber mit keinem Gedanken daran, in den Orden eintreten zu wollen. Dieser Wunsch entstand bei Einkehrtagen, und sie war selbst überrascht darüber: Als jede Teilnehmerin auf einen Zettel ihren Berufswunsch schreiben sollte, schrieb Erna -"Ordensschwester". Als Schwester Andrea wurde sie die 130. Nazarethschwester. Sie hatte sich einen Apostelnamen als Ordensnamen gewünscht; als einziger war Andreas übrig, denn die anderen Namen waren schon an andere Schwestern vergeben.

Die Nazarethschwestern vom heiligen Franziskus haben sich von Anfang an in den verschiedensten sozialen Bereichen, vor allem in der Familien- und Krankenpflege engagiert. Schon bald nach der Gründung ihrer Gemeinschaft im Jahr 1928 betreuen sie Kleinkinder. In ihrer Mietwohnung in der Ferdinandstraße nehmen sie außerdem unverheiratete werdende Mütter auf, die zur Geburt in eine Klinik gehen und danach für etwa sechs Wochen mit den Neugeborenen wieder bei den Schwestern wohnen. Daraus entwickelt sich das "Mütter- und Entbindungsheim St. Anna", das bereits 1929 in der Reißigerstraße in Dresden eröffnet wird. Bis zum Bombenangriff auf die Stadt am 13./14. Februar 1945 versorgen die Schwestern hier Frauen vor, während und nach der Geburt ihrer Kinder und schenken ihnen Geborgenheit.

Noch in der Bombennacht, in der auch dieses Haus getroffen wird, kommt hier unter dramatischen Umständen ein Kind zur Welt. Strom und Wasser gibt es nicht mehr. Einen vorübereilenden Soldaten bittet die diensthabende Schwester, die als letzte noch mit der Gebärenden im Haus ist, um Wasser für das Neugeborene -er bringt es in seinem Stahlhelm und zieht dann seiner Wege. Es muss alles sehr schnell gehen. Die Schwester flieht im letzten Moment mit Mutter und Kind aus dem brennenden Haus. Mit großer Mühe und viel Glück gelingt es, durch die bombardierte Stadt zu kommen, bis sie einen Lkw finden, der sie aufs Land in ein Sanatorium bringt. Mutter und Kind überleben!

Schon 1945 nehmen die Schwestern ihre Arbeit im St. Annaheim wieder auf, diesmal in der Waldparkstraße in Dresden- Blasewitz. Das Haus erwerben sie fünf Jahre später. In diesem Entbindungsheim kommen innerhalb von 30 Jahren 19 798 Kinder zur Welt. "Gerade bei Vollmond hatten wir immer alle Hände voll zu tun, weil dann besonders viele Kinder geboren wurden", berichtet Schwester Andrea. Von November 1954 bis September 1974 arbeitete sie hier. Die Schwestern betreuten bis 1970 in der Nicodéstraße in einem Haus, das ihnen geschenkt worden war, auch größere Kinder, solange ihre Mütter zur Entbindung im St. Annaheim waren. Hier führten sie dann bis 1987 eine Tageseinrichtung für geistig behinderte Kinder.

Im Jahr 1975 wurde das St. Annaheim umprofiliert: Es wurde zur gynäkologischen Station, auf der kleine operative Eingriffe vorgenommen und Frauen nach größeren Operationen gepflegt und betreut wurden. Das St.-Joseph-Stift übernahm die Geburtshilfe. Bis 1992 führten die Nazarethschwestern das gynäkologische Krankenhaus St. Annaheim in der Waldparkstraße. Sie begleiteten dort vor allem auch die Schwerkranken. Selbst wenn die Frauen oft nicht religiös gebunden waren, entwickelte sich manches intensive Gespräch. "Mich hat das ganz tief berührt, als Sie froh ins Zimmer kamen und im Gespräch sagten, dass sie sich jetzt schon freuen auf den Moment, wo sie oben beim Herrn ankommen und Ihnen all Ihre Lieben, die schon dort sind, entgegenkommen werden", bemerkte eine ehemalige Patientin einmal lange Zeit nach ihrer Krankheit zu Schwester Andrea, die von 1986 bis 1990 wieder im St. Annaheim arbeitete. Heute pflegt sie ihre alten und kranken Mitschwestern in Goppeln.

Fast nebenbei, auf dem Weg zum Ausgangstor, sagt Schwester Andrea, und es klingt wie eine Zusammenfassung unseres Gesprächs: "Und, wissen Sie, ich hab' noch keinen Tag bereut, den ich im Kloster bin. Es hat wohl manchen schweren Tag gegeben, aber Gott hat mich geführt und gehalten."

Elisabeth Meuser

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 33 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Montag, 18.08.2003

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