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Aus der Region

Viel geschafft, aber nicht alles

Ein Jahr nach dem Hochwasser: Ein Besuch in Dessau und Meißen

Fast auf den Tag genau ein Jahr liegt zwischen diesen beiden Bilder. Das linke Foto zeigt das Elbufer in Dresden am 17. August 2002, als der Pegel seinen historischen Höchststand von 9,40 Meter erreicht hatte. Das rechte Bild stammt aus diesen Tagen.

Dessau / Meißen (mh) -"Wir sind wieder aufgetaucht!" So oder ähnlich heißt es an diesem Wochenende vielerorts an Elbe und Mulde, an Weißeritz und Müglitz -dort, wo vor einem Jahr die Flutkatastrophe gewütet hat. Viele materielle Schäden sind inzwischen beseitigt, doch die Arbeiten in den schwer betroffenen Regionen werden noch Monate dauern. Auch in den Köpfen der Menschen ist die Katastrophe präsent, meint der Dessauer Propst Dr. Gerhard Nachtwei: bei den direkt Betroffenen sowieso, und bei allen anderen dadurch, dass die Ereignisse ein Jahr zurückliegen und das Wetter ein ganz anderes Extrem eingeschlagen hat

"Was hat das Hochwasser mit den Seelen der Menschen angestellt?" heißt eine Frage, die Nachtwei in diesen Tagen bewegt. "Wir haben bisher häufig nach den materiellen Schäden gefragt." Was aber kann eine solche Krise im Inneren eines Menschen anrichten? Viele sind innerlich gewachsen, bei anderen aber werden seelische Spannungen und psychische Schäden bleiben, meint Nachtwei. Um dieser Frage nachzugehen, plant er jetzt eine Veranstaltung. Am Sonntag aber will er erst einmal mit den Einwohnern des Stadtteils Waldersee das Dankfest feiern -unter anderem mit einem ökumenischen Gottesdienst.

Auf dieses Fest freut Nachtwei sich auch, weil er dort vielen Bekannten begegnen wird. Auch in Waldersee sind die Katholiken in der Minderheit, aber durch die Hilfe bei der Beseitigung der Flutschäden, die durch Pfarrgemeinde und Caritas geleistet wurde, sind viele neue Beziehungen entstanden. Zwar kenne er keinen, der sich deshalb jetzt taufen lässt -"das war auch gar nicht die Absicht!" -, aber: Manche Hemmschwelle ist abgebaut.

Überrascht hat Nachtwei die Reaktion der Leute auf das Weihnachtsgeschenk, das ihnen der Magdeburger Bischof Leo Nowak gemacht hat: Alle, denen die Kirche nach der Flut geholfen hat, erhielten eine wertvolle Bibelausgabe. 170 Stück wurden Dresden (mh) -In Deutschland wird es künftig mehr extreme Wettersituationen geben. Als Folge der Klimaveränderungen werden die Sommer wärmer und trockener und die Gefahr von Starkniederschlägen nimmt zu. Die damit verbundenen Überschwemmungen werden allerdings in der Regel regional begrenzt bleiben und nicht die Ausmaße der Flutkatastrophe vom vergangenen Sommer annehmen. Diese Prognose machten Alfred Becker vom Potsdamer Institut für Klimaforschung und Michael Kinze, Präsident des sächsischen Landesamtes für Umwelt und Geologie. Anlass war eine Podiumsdiskussion in Dresden "Ein Jahr nach der Flut". Dass die Katastrophe noch nicht vergessen ist, davon zeugte der bis auf den letzten Platz gefüllt Saal im Hygiene-Museum. Werden wir künftig besser gerüstet sein? Das war die Frage des Abends. Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) stellte dabei Eckpunkte eines neuen Hochwasserschutz-Gesetzes vor. Grundgedanke: Mehr Raum für die Flüsse, keine Siedlungen und kein Ackerbau in Überschwemmungsgebieten. Als "Grundirrtum" beschrieb er die Vorstellung der Menschen, die Flüsse bändigen zu können. Das haben die Flüsse selbst widerlegt. "Hochwasser gehört zur Natur", sagte Kinze. "Zur Katastrophe wird es an Orten, wo der Mensch eingegriffen hat." Ihm sei es beispielsweise unverständlich, wie es in Dresden ein geplantes Gewerbe- und Wohngebiet mit der Adresse "An der Flutrinne" geben könne. Nicht immer könnten Siedlungen in Überschwemmungsgebieten zurückgebaut werden, wie in Dessau verteilt. Und nur ein einziges Mal wurde das Geschenk abgelehnt.

Dass das Engagement von Kirche und Caritas nach der Flut die Beziehungen zu denen, die nicht zur Gemeinde gehören, grundlegend verändert hat, ist auch eine Erfahrung des katholischen Pfarrers von Meißen, Heinrich Bohaboj. "Jetzt gibt es eine ganz neue Nachbarschaft." Viele Vorurteile gegenüber Kirche und Caritas und viel Desinteresse seien verschwunden.

Anders als in Dessau war in Meißen die katholische Gemeinde selbst schwer betroffen. Inzwischen sind viele Schäden beseitigt. Mit der Fertigstellung der Kirche wird es aber noch etwas dauern. Die Wiedereinweihung ist für den 19. Oktober geplant. Wenn die katholische Gemeinde dieses Ereignis feiert, dann sollen auch die neu gewonnenen Nachbarn eingeladen werden, genauso wie der vielen, die der Gemeinde geholfen haben.

Von dem durch die Katastrophe gewachsenen Miteinander wird also manches erhalten bleiben. Hat das Hochwasser aber auch zu einem bewussteren Umgang der Menschen mit ihrer Umwelt geführt? Bohaboj ist skeptisch: "Ich glaube nicht, dass die Flut ein Achtungszeichen für alle war." Wenn er heute durch Meißen geht, fällt ihm schon wieder viel Gedankenlosigkeit in dieser Hinsicht auf.

Der Dessauer Propst gesteht bei der Frage nach dem Umweltschutz, dass er selbst hin- und hergerissen ist. "Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust." Umweltschutz sei wichtig, aber auch die schwierige wirtschaftliche Situation müsse im Blick bleiben. Mancher verknüpfe mit einer besser schiffbaren, also begradigten Elbe beispielsweise die Hoffnung auf Arbeitsplätze. Als Pfarrer wolle er sich nicht auf die eine oder andere Seite stellen, sondern sich für einen offenen und fairen Umgang miteinander einsetzen. Für einen Punkt tritt er allerdings persönlich ein: Die Deiche, die den Ortsteil Waldersee schützen, müssen künftig ordentlicher und besser gepflegt werden.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 33 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Montag, 18.08.2003

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