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Bistum Magdeburg

Ein kleiner, aber mächtiger Feind

Der Gemeinde in Wettin droht der Verlust ihrer Kirche

Noch kann Gottesdienst gefeiert werden: Holzdecke, Empore und Bänke der St.-Petrus-Kirche in Wettin sind massiv vom Holzwurm befallen.

Wettin -Die kleine Pfarrei St. Petrus hat einen Feind -und das schon recht lange. Der Feind ist klein, ein Winzling, aber er ist gefährlich und zerstörerisch und arbeitete lange Zeit im Verborgenen. Die Bedrohung ist ein Holzwurm, der inzwischen die Deckenbalken völlig zerfressen hat. Entdeckt wurde er bereits in den 90er Jahren, aber seine Gefährlichkeit wurde unterschätzt. Der kleinen Gemeinde fehlten schon damals die Mittel, um den Befall zu bekämpfen. Inzwischen hat der Wurm den Balken die Tragfähigkeit genommen und bereits das Holz der darunter liegenden Decke, die Empore und die Bänke befallen. Jetzt ist es soweit, dass die Kirche aufgegeben werden muss, weil der Einsturz der Decke droht und für die Sanierung auch heute das Geld fehlt.

Von den 2500 Einwohnern Wettins sind etwa 300 katholisch, im Gemeindeleben aktiv sind 30 bis 40. Einen eigenen Pfarrer gibt es schon seit den 70er Jahren nicht mehr. Seelsorger aus der 20 Kilometer entfernten Stadt Halle und der Umgebung betreuen die Gemeinde und halten an Sonn- und Feiertagen Gottesdienste. Momentan ist Studentenpfarrer Thomas Friedrich aus Halle zuständig. Angesichts der dramatischen Situation stellt er die berechtigte Frage, ob sich für die wenigen aktiven Katholiken die hohe Investition zur Sanierung der Kirche verantworten lässt. Die Gemeindemitglieder geben eine eindeutige Antwort: "Wir sind zwar nur wenige, aber wir werden für den Erhalt unserer Kirche kämpfen. Sie ist kunsthistorisch ohne Bedeutung, aber für unser Glaubensleben hat die einen hohen Wert."

An die Kirche angebaut ist ein großes Gebäude, ein ehemaliger Bauernhof, der früher als Pfarrhaus genutzt wurde. Seit den 70er Jahren ist dieses Haus ein bescheiden eingerichtetes, kostengünstiges Begegnungszentrum für Katholiken der ostdeutschen Diaspora. Immer wieder verbringen Familien mit Kindern ihre Wochenenden oder die Ferien in dem Selbstversorger- Haus. Zu DDR-Zeiten, als der Religionsunterricht in der Schule nicht erlaubt war, fanden hier die von der katholischen Kirche angebotenen Religiösen Kinderwochen (RKW) statt. Bis heute dauert das Interesse an. Es liegen bereits Anfragen bis zum Herbst 2004 vor. Das Pfarrhaus von Wettin war und ist für "Begegnungen mit dem Glauben" ein begehrter und viel besuchter Ort. Doch das Haus wirft keinen Gewinn ab, weil es auf Besucher ausgerichtet ist, die über so wenig Geld verfügen, dass sie keine teuren Aufenthalte finanzieren können.

Wettin als Ort der Begegnung mit seiner Kirche und dem Pfarrhaus ist für die Katholiken der Gemeinde, für Familien mit schmaler Urlaubskasse und für die Kinder aus Pfarreien, die hier für jeweils eine Woche religiöse Gemeinschaft erleben, von großer Bedeutung. Für sie alle wäre es ein großer Verlust, wenn die St.-Petrus-Kirche aufgegeben werden müsste. Die Gottesdienste in der Kirche sind zentraler Mittelpunkt. Die aktiven Katholiken engagieren sich für ihre Gemeinde, nehmen die Gestaltung der Gottesdienste selbst in die Hand, pflegen und schmücken die Kirche und führen kleine Reparaturen in Eigenarbeit durch. Auch das Selbstverpflegerhaus wird ehrenamtlich betreut. Familie Furgber kümmert sich um die Belegung und notwendige Reparaturen. Ihr Engagement überträgt sich auch auf die jüngsten Familienmitglieder; zwei ihrer drei Kinder sind Ministrantinnen. Warum sie das tun? "Na, das ist doch unsere Kirche!"

Die Wettiner haben dem Holzwurm den Kampf angesagt. Sie wollen gegen den winzigen, aber mächtigen und zerstörerischen Feind gewinnen. Doch der Gemeinde fehlen die finanziellen Mittel. Eine Sammeldose wird bei jedem Gottesdienst aufgestellt in der Hoffnung, einen großen Betrag zur Renovierung selbst aufzubringen. Auch das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken in Paderborn wurde um Hilfe gebeten. Mit einem Zuschuss von 60 000 Euro könnte die notwendige Sanierung schon bald beginnen. Die katholischen Christen in Wettin hoffen auf Solidarität in ganz Deutschland.

Ernst Herb

Infos:
Bonifatiuswerk,
Kamp 22,
33098 Paderborn,
Tel. 0 52 51 / 2 99 60,
Internet: www.bonifatiuswerk.de
oder über die
Pfarrvikarie St. Petrus,
Burgstraße 19,
06198 Wettin
oder
Pfarrvikar
Thomas Friedrich,
Mühlweg 18,
06114 Halle

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 32 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Montag, 11.08.2003

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