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Aus der Region

Das kurze Gedächtnis

Ist die Flut-Katastrophe vom vergangenen Sommer schon vergessen?

Bald nur noch dunkle Erinnerung? Bilder wie dieses von der Flut im vergangenen Jahr werden schnell wieder vergessen.

Potsdam / Rastatt (epd) -Katastrophenopfer haben manchmal ein schlechtes Gedächtnis. "Die Vergessensrate bei Menschen und Behörden ist erstaunlich kurz", resümiert der Hydrologe Alfred Becker vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung ein Jahr nach dem Elbehochwasser. "Nach etwa sieben Jahren sind die Menschen mit dem Schicksal und dem Hochwasser versöhnt und finden ihr Gebiet wieder schön."

99 Prozent der Zeit ist es hier wunderschön

So werde nicht nur in österreichischen Katastrophengebieten bereits wieder gebaut. Auch in den sächsischen Flutregionen werde der Wiederaufbau von Siedlungen und Straßen geplant und über Baumaßnahmen gestritten. "99 Prozent der Zeit ist es dort wunderschön", sagt Becker dazu. "Da baut man dann auch gern ein Haus hin."

Die Folgen könnten dramatisch sein: Denn durch die nachweisliche Erwärmung der Erdatmosphäre kann die Luft immer größere Wassermengen aufnehmen, was bei ungünstigen Klimalagen zu häufigeren und stärkeren Regenfällen zu führen droht als bisher. Auch wenn es sich zumindest im sächsischen Weißeritz-Gebiet 2002 tatsächlich um ein sprichwörtliches "Jahrtausendhochwasser" gehandelt habe, "kann es sein, dass solches Hochwasser in Zukunft häufiger vorkommt", sagt Becker.

Flut-Prävention durch einen Rückbau fragwürdiger Siedlungen in Flussnähe und bessere Warnsysteme seien deshalb nicht nur in den klassischen Hochwassergegenden an Donau, Rhein oder Main notwendig, sondern auch an Elbe oder Mulde, fordert Becker. Wenigstens in Röderau- Süd bei Riesa wird dem jetzt schon Rechnung getragen. Dort wird eine erst vor zehn Jahren begonnene Neubau-Siedlung wieder komplett abgerissen und an anderer Stelle auf Staatskosten neu errichtet.

Solch unzulässige Baumaßnahmen in Flussauen haben nach Einschätzung von Experten die Katastrophe im letzten Jahr begünstigt. So wurde in Dresden bei der Flut von 1845 trotz einer weit größeren durchfließenden Wassermenge von 5700 Kubikmetern pro Sekunde mit 8,80 Metern ein deutlich geringerer Höchststand registriert als 2002 mit 4680 Kubikmetern pro Sekunde und einem Höchststand von 9,40 Metern.

Auch die Hochwasser-Experten vom Auen-Institut des World Wide Fund for Nature (WWF) in Rastatt fordern ein Ende fragwürdiger Bauprojekte und zusätzliche Überflutungsflächen. "Realisiert worden ist kein einziger neuer, zusätzlicher Quadratmeter an Überflutungsfläche", kritisiert WWF-Wasserbauingenieur Georg Rast. "Wenn wir Siedlungen für mehrere Jahrhunderte konzipieren, müssen wir entsprechende Vorkehrungen treffen."

Bislang ganz und gar nichts geändert

Die für Hochwasserschutz zuständigen Länder müssten mehr Druck auf die Kommunen ausüben und Zuschüsse nur noch unter Auflagen gewähren. An den Vorgaben für die Bauplanung in Überschwemmungsgebieten habe sich bislang "ganz und gar nichts geändert", kritisiert Rast. "Wenn eine Gemeinde es sich partout in den Kopf setzt, kann nach wie vor alles Mögliche geschehen." Zudem wäre durch eine Verschiebung der Subventionen in der EU-Agrarpolitik und die Umwidmung von Ackerbauflächen zu Grünlandwirtschaft und naturnahen Zonen "der Zugriff auf wahnwitzig große Flächen möglich".

Rast sieht dabei insbesondere Bundeslandwirtschaftsministerin Renate Künast und Bundesumweltminister Jürgen Trittin (beide Bündnis 90 / Die Grünen) in der Pflicht. "Wir brauchen den Zugriff auf die Fläche", sagt Rast. Der Sympathie der Minister für seinen Vorschlag kann sich der Experte sicher sein. Doch ob die Forderung jemals umgesetzt wird, steht in den Sternen.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 32 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Montag, 11.08.2003

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