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Mit der Heimlichkeit ist es längst vorbei

14 junge Ordensfrauen leben in einem Kloster in Marx an der Wolga

Tischgemeinschaft: Lauter junge Frauen kommen zusammen, wenn sich die Schwestern im Kloster in Marx zum Essen versammeln.

Das Auto rumpelt noch schnell über zwei Schlaglöcher hinweg, bevor am Straßenrand ein altes Schild auftaucht. "Marx" steht darauf. Wer in dieser russischen Stadt an der Wolga auf der Straße spazieren geht und sich auf Deutsch unterhält, kann schnell Gesprächspartner finden. Marx war einst eine der Hochburgen der Wolgarepublik, die vor knapp 80 Jahren bestand hat. Viele Deutschstämmige haben sich nach Zeiten der Vertreibung wieder hier angesiedelt.

Dazu zählt auch Paulina Sommer. Vor zehn Jahren hätte sie eigentlich mit ihrer Familie nach Deutschland übersiedeln sollen. Doch die junge Frau wollte unbedingt in Marx bleiben. "Ich hätte sonst mein Land im Stich gelassen", sagt sie, meint damit Russland und erzählt, wie sie weinend vor dem Bus stand, in dem die Eltern und Geschwister schon Platz genommen hatten.

Inzwischen ist sie öfter zu Besuch in Deutschland gewesen. "Danach habe ich immer gespürt, dass ich den richtigen Weg gegangen bin." Noch etwas anderes unterschiedet die 25-Jährige von ihren Altergenossinnen: Sie gehört als Ordensfrau zu den "Dienerinnen Jesu in der Eucharistie". Mitte der 80er Jahre hatte der Orden in Marx ein neues Kloster gegründet. Heimlich. Inzwischen gibt es einen Neubau, der mit Hilfe aus dem Westen, unter anderem vom Hilfswerk Renovabis, zustande gekommen ist.

"Sie gingen einen besonderen Weg"

Schwester Paulina erinnert sich lebhaft an heimliche Gottesdienste im Haus des Großvaters, damals in einem Dorf in Kasachstan. Dorthin war die Familie unter dem Diktator Stalin vertrieben worden. Als die Regierung die Erlaubnis gab, kehrte der Großvater mit der ganzen Familie zurück nach Marx. "Meine Eltern wollten dann ausreisen. Nur ich wollte nicht mit", sagt Schwester Paulina. "Aber das ist Vergangenheit."

Schwester Maria Appelgants denkt noch manchmal an den Tag, als der Pfarrer aus Marx mit einigen Frauen in ihren Wohnort kam. Dass es Ordensschwestern waren, wusste die junge Maria noch nicht. "Aber es war zu spüren, dass sie einen besonderen Weg gingen." Tagsüber arbeiteten sie in der Fabrik, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Nach Feierabend besuchten sie Familien. So gehörte Maria zu den ersten Kindern, die in den 80er Jahren in Marx zur Erstkommunion gingen.

Mit 17 schloss sie sich den "Dienerinnen Jesu" an. Heute ist sie die Oberin des Klosters in Marx und 33 Jahre alt. "Meine Oma hat schon immer zu mir gesagt: Du wirst mal Schwester", erinnert sich die Ordensfrau. "Dabei wollte ich immer heiraten."

1987 versuchten die Ordensfrauen, die aufstrebende Gemeinde registrieren zu lassen. Zu der Zeit noch ein heikles Unterfangen. "Als Konsequenz haben die Behörden die alte Kirche erst einmal abgerissen", sagt Schwester Maria. Solche Sorgen gibt es heute längst nicht mehr. 1993 konnte ein neues Gotteshaus entstehen. "Christus König" steht auf Steinen der alten Kirche, die die Schwestern hatten retten können.

Ein Kloster voller junger Schwestern

Wenn sich die inzwischen 14 Schwestern im Refektorium zum Essen treffen, geht es lebendig zu. Keine der Ordensfrauen ist älter als 43 Jahre, die meisten sind Mitte 20. Sie kümmern sich um das Gemeindeleben, bereiten Kinder und Jugendliche auf die Sakramente vor, führen deren Eltern an den Glauben heran. "Meist kommen die Kinder zuerst und bringen später die Eltern mit", weiß Schwester Paulina. "Anfangs gab es viele Russlanddeutsche, die meisten sind aber ausgereist." Inzwischen kämen viele gebürtige Russen in die Kirche. "Wir haben ungefähr 200 Gemeindemitglieder. Aber die genaue Zahl wissen wir nicht", gibt Schwester Maria zu. Einmal hätten sie versucht, eine Statistik zu erheben, "aber es gibt so viele wichtigere Dinge zu tun".

Dazu zählen die Schwestern auch das Gebet, zu dem sie sich regelmäßig in der Klosterkapelle versammeln, sowie die Entwicklung des eigenen Glaubenslebens. Von Montag bis Mittwoch schwärmen sie in die Dörfer der Umgebung aus, um dort die Menschen zu besuchen und im Glauben zu unterweisen. Donnerstag und Freitag sind sie in Marx unterwegs. Der Samstag dient der Vorbereitung auf den Sonntag: Die Kirche wird geputzt, die Grünanlagen werden gepflegt. Am Nachmittag treffen sich Kinder und Jugendliche zur Katechese im Keller unter der Kirche. Samstagabend und Sonntagvormittag sind Messen am Ort selbst, am Nachmittag geht es im Wechsel zum Gottesdienst in eins der umliegenden Dörfer. Alles mit einem alten Auto, für dessen Pflege die Schwestern selbst zuständig sind.

Rosenkranz am Sonntagnachmittag

Heute ist das Ziel im 45 Kilometer entfernten Stepnoje, wo etwa 80 Katholiken leben. Der Pfarrer betet auf dem Rücksitz Brevier, Schwester Maria sitzt am Steuer, gibt Gas und schwatzt ein wenig mit Schwester Paulina auf dem Beifahrersitz. Langeweile oder schlechte Laune scheinen die Schwestern nicht zu kennen. "Die Bewohner von Stepnoje wissen nicht, dass wir heute kommen", erzählt Paulina. "Aber am Sonntagnachmittag sind sie sowieso immer in der Kirche, um den Rosenkranz zu beten." Tatsächlich ist die kleine Holzkapelle dicht gefüllt. Während Pater Stanislaw in der Sakristei Beichte hört, übt die Schwester mit der Gemeinde ein neues Lied ein. Nach der Messe ist Gelegenheit, Neuigkeiten auszutauschen. Dann geht es über die kaputte Straße zurück nach Marx. Jetzt können auch die Schwestern ausspannen.

Seit ein paar Wochen haben sie einen neuen Seelsorger. Pater Stanislaw ist nach Polen zurückgekehrt, Marcus Nowotny, ein aus Brandenburg stammender Kaplan, ist jetzt für Marx und Stepnoje zuständig. Und wovon leben die Schwestern? "Von dem, was uns die Gemeinde gibt. Das reicht aus", sagt Schwester Maria.

Matthias Petersen

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 31 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 03.08.2003

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