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Auf zwei Minuten

Sehnsucht nach dem Ursprung

Der Mensch ist ein Wesen der Sehnsucht

Pater Damian

Mein Schwager war leidenschaftlicher Brieftaubenzüchter. Ich hatte oft Gelegenheit mitzuerleben, wie die eine Taube nach langem Flug am heimatlichen Schlag ankam. Es kam auch vor, dass einzelne Tauben erst nach Wochen zurückkamen. Sie waren durch einen Sturm von ihrer Route abgekommen, waren von anderen Taubenzüchtern eingefangen und dann wieder freigelassen worden. Erstaunlich, dass sie wie auch die Zugvögel -über große Entfernungen mit sicherem Instinkt heimfanden.

Der Dichter Christian Morgenstern (gestorben 1914) hat die Sehnsucht des Menschen, der nach seinem Ursprung strebt, mit dem Verhalten der Brieftaube verglichen: "Ich bin wie eine Brieftaube, die man vom Urquell der Dinge in ein fernes fremdes Land getragen und dort freigelassen hat. Sie trachtet ihr ganzes Leben nach der einstigen Heimat, ruhelos durchmisst sie das Land nach allen Seiten. Und oft fällt sie zu Boden in ihrer großen Müdigkeit, und man kommt, hebt sie auf und pflegt sie und will sie ans Haus gewöhnen. Aber sobald sie die Flügel nur wieder fühlt, fliegt sie von neuem fort, auf die einzige Fahrt, die ihrer Sehnsucht genügt, die unvermeidliche Suche nach dem Ort ihres Ursprungs."

Ich glaube, Morgenstern wird auch heute von vielen Menschen verstanden, die bei allem Fortschritt der Zivilisation in unserer zerstückelten Kulturwelt nach Einheit, Ganzheit und Geborgenheit hungern und ihr Heil in einer "Reise nach innen" suchen.

Auch der christliche Glaube weiß: Der Mensch ist ein Wesen der Sehnsucht. Wie immer er sich auch in dieser Welt einrichtet, er fühlt sich nie ganz zu Hause, fühlt sich als Fremdling auf der Suche nach Heimat. Er muss schmerzlich erfahren, dass er sich und sein Glück auf Erden nie ganz verwirklichen kann. Wir glauben, dass nur Gott unsere unendliche Sehnsucht stillen kann. Der "Unruhestifter- Gott" hat uns den unbändigen Drang zu unserem Ursprung in die Seele gelegt.

Nach Paulus hofft nicht nur der Mensch auf Heimkehr zu seinem Ursprung, sondern die ganze Schöpfung (Röm 8, 19-22). Da wir sterblich sind, werden wir niemals imstande sein, selbst unser Sehnen zu befriedigen. Wir müssen zuletzt mit leeren Händen vor Gott hintreten. Die Sehnsucht nach Gott wach zu halten und zu pflegen, das ist lebenslange Aufgabe. Mit dem Psalmisten dürfen wir beten: ,,Gott, du mein Gott, dich suche ich, meine Seele dürstet nach dir. Nach dir schmachtet mein Leib wie dürres, lechzendes Land ohne Wasser" (Ps 63, 2-3).

Pater Damian Meyer

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 30 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Samstag, 26.07.2003

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