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Aus der Region

Auch heute sind Mut und Zivilcourage nötig

Gottesdienst zum Gedenken an den Widerstand im Nationalsozialismus

Weihbischof Feige: Freiheit ist nicht Beliebigkeit und Toleranz ist nicht Gleichgültigkeit.

Katholische und evangelische Christen haben am vergangenen Sonntag im Magdeburger Dom einen ökumenischen Gottesdienst zum Gedenken an den Widerstand im Nationalsozialismus gefeiert. Anlass war der Jahrestag des gescheiterten Attentates auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944. Der katholische Weihbischof Gerhard Feige ging in seiner Ansprache auf das Thema Mut und Zivilcourage ein. Unter anderem sagte er:

... Heute gedenken wir einer Vielzahl von Deutschen aus allen sozialen Schichten, politischen Lagern und weltanschaulichen Gruppierungen, die mit außergewöhnlichem Mut und größtem persönlichen Risiko den Aufstand gegen das verbrecherische Regime Hitlers und den Ungeist des Nationalsozialismus wagten. Nicht nur das Attentat des 20. Juli 1944 ist dabei im Blick. Vor Augen stehen auch die vielfältigen anderen Formen des Widerstands. Trotz der unmenschlichen Bedingungen eines totalitären Systems waren Menschen bereit, nach ihrem Gewissen zu handeln, um weiteres Grauen zu verhindern und Menschenwürde und Rechtsstaatlichkeit wiederherzustellen.

Auch wenn die Ziele und Interessen dieser Widerstandskämpfer unterschiedlich waren, ist bei vielen ihr Einsatz nicht von ihrer religiösen Grundorientierung zu trennen. Im christlichen Glauben verwurzelt zu sein, bedeutete für sie, alle Furcht zu überwinden und im Vertrauen auf Gott um der Rettung unzähliger Menschen willen das eigene Leben einzusetzen. (Im Glauben verwurzelt zu sein, d. Red.) bedeutete aber auch, in einer fast ausweglosen Situation immer noch Kraft und Rückhalt zu erfahren. Wenn Gott zu ihnen hielt, wer vermochte sie dann von seiner Liebe zu trennen ?

Auch heute können christliche Glaubensgewissheit und Gottesfurcht nach wie vor Menschen befähigen, ihrem Gewissen zu folgen und -wenn es nötig ist -Zivilcourage an den Tag zu legen. Selbstverständlich sieht dies in einer freiheitlichen Demokratie anders aus als in einer Diktatur, Herausforderungen gibt es aber genügend. Wie oft werden auf subtile oder auch drastische Weise Vorurteile geschürt, Klischees verfestigt und Meinungen manipuliert. Wie oft werden einzelne Menschen oder bestimmte Gruppen ausgegrenzt und geraten ins gesellschaftliche Abseits.

Andererseits wird inzwischen aber auch manchmal eine Beliebigkeit propagiert, nach der alles erlaubt und alles gleichgültig ist. Freiheit erscheint somit als absolute Beliebigkeit und Toleranz als totale Gleichgültigkeit. Wenn sich dies durchsetzt, würde in einer solchen Gesellschaft die Maxime gelte: "Sage, was immer du willst, es wird sich doch nichts ändern." Dann bräuchte man freilich auch keine Zivilcourage mehr.

Noch aber fußt unsere Gesellschaft erfreulicherweise auf gemeinsamen Werten, die es tagtäglich zu pflegen und zu verteidigen gilt. Mit dem Strom mitzuschwimmen, Unrecht nicht wahrhaben zu wollen oder still zu protestieren reicht dabei nicht. Man muss schon den Mut haben, sich eine eigene Meinung zu leisten und dafür mit Wort und Tat einzustehen. Wie die christliche Vision einer solchen Zivilcourage aussehen könnte, bringt das Gebet zum Ausdruck, das mit den Worte beginnt: "Herr, mache mich zu einem Werkzeug deines Friedens ..." (Gotteslob Nr. 29.6)

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 30 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Samstag, 26.07.2003

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