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Aus der Region

Nach den fetten nun die mageren Jahre

Vatikan spürt die Folgen der Weltwirtschaftskrise

Vatikanstadt - Nach acht Jahren mit ausgeglichener Bilanz und sogar leichtem Überschuss schreibt der Heilige Stuhl jetzt zum zweiten Mal nacheinander rote Zahlen. Bei einem Gesamtetat für 2002 von 230,1 Millionen Euro macht das Defizit von rund 13,5 Millionen Euro immerhin sechs Prozent aus. Nach den "fetten Jahren" sei man jetzt in der Phase der "mageren Jahre", so der vatikanische Finanzminister, Kardinal Sergio Sebastiani - Folge der allgemeinen Wirtschaftskrise.

Da Vatikan und Kurie nichts erwirtschaften oder verkaufen, sind sie zur Deckung ihrer Ausgaben auf Erträge aus Anlagen, auf Dividenden und Spenden angewiesen. Die "Finanzaktivitäten", die Erlöse aus Aktien und anderen Werten brachten in guten Jahren gutes Geld. Zwischen 2001 und 2002 ist dieser Posten aber um rund 50 Millionen Euro eingebrochen: Statt eines Überschusses von 16,3 Millionen weist er nun ein Minus von 32,9 Millionen Euro auf. Selbst eine konsequente Sparpolitik der Kurie und ein gestiegenes Spendenaufkommen konnten dieses Loch nicht ausfüllen.

Dass sich das Gesamt-Defizit in Grenzen hielt, ist insbesondere der Unterstützung aus der Weltkirche zu verdanken. Die Solidaritätssteuer der Diözesen und Ordensgemeinschaften für den Vatikan verdoppelte sich 2002 auf 85,4 Millionen Euro. Die größten Spender waren dabei die USA - wo die Pädophilieskandale keine Auswirkungen auf das Spendenaufkommen hatten - gefolgt von Deutschland und Italien. Die Beiträge der Weltkirche sind vor allem für die "institutionellen Aufgaben" der Kirchenleitung bestimmt, für die Kurie, die vatikanischen Kongregationen und Räte oder die Nuntiaturen in der Welt. In diesem Etatposten summierten sich Ausgaben in Höhe von 106 Millionen Euro, insbesondere für Löhne und Gehälter der 2659 Mitarbeiter, der 744 Diözesanpriester, 351 Ordensleute und 1564 Laien sowie 892 Pensionäre. Bleibt hier also noch ein Minus von 20,6 Millionen Euro. Gestiegen ist dagegen 2002 der Ertrag aus dem vatikanischen Immobilienbesitz: Von 12,9 Millionen auf 19 Millionen Euro. Fast eine Sensation ist dagegen, dass erstmals der Etat-Posten für die Vatikan-Medien (Radio Vatikan, die Zeitung Osservatore Romano, das Fernsehzentrum CTV und die Druckerei) nahezu ausgeglichen ist. Über Jahrzehnte bildeten diese Zuschussbetriebe, die sich nicht durch Werbung oder andere Quellen finanzieren dürfen, die Achillesferse des Etats. Dank eines Sponsors für das Papst-Radio reduzierte sich das Minus von 21,6 Millionen Euro in 2001 auf 1,7 Millionen.

Bleibt für die Gesamtbilanz des Heiligen Stuhls ein Defizit von 13,5 Millionen Euro. Der Ausgleich erfolge automatisch aus dem Gesamt-Vermögen des Heiligen Stuhls, in das in den vergangenen Jahren auch die Überschüsse eingeflossen waren, hieß es bei der Pressekonferenz. Dieser Vermögensstand beläuft sich heute auf rund 700 Millionen Euro. Er geht zurück auf die Zahlungen, die der Vatikan in den Lateran-Verträgen 1929 als Ausgleich für den Verlust des Kirchenstaats erhalten hat, und die den finanziellen Grundstock für die Arbeit der römischen Kirchenleitung bilden.

Johannes Schidelko

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 29 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Dienstag, 22.07.2003

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