Jetzt 4 Wochen kostenfrei Tag des Herrn lesen!
Spezial

Langfristig kürzere Arbeitszeiten

Arbeitszeitverkürzung gegen Arbeitslosigkeit

Werner Schmiedecke: Arbeitszeitverkürzung gegen Arbeitslosigkeit.

Der Kampf der IG Metall um die 35-Stunden-Woche auch im Osten Deutschlands hat die Diskussion über kürzere oder längere Arbeitszeiten neu entfacht. Das ist gut so, weil diese Frage eigentlich die zentrale Frage ist. Denn das nachgefragte Arbeitzeitvolumen ist in den letzten drei Jahrzehnten permanent gesunken und das Wirtschaftswachstum kann den Produktivitätszuwachs nicht kompensieren.

Weil auch zukünftig kein höheres Wirtschaftswachstum zu erwarten ist, aber Rationalisierung und technischer Fortschritt ungebremst weitergehen, wird die Arbeitslosigkeit ohne Änderung der Arbeitszeit tendentiell weiterwachsen. Bloß: Arbeitszeit verkürzen oder verlängern? Dazu stehen die Auffassungen konträr zueinander. Im Gegensatz zur IG Metall fordern andere längere Arbeitszeiten. Erst im Mai plädierte die CDU-Vorsitzende Angela Merkel dafür, länger zu arbeiten, "weil damit ...neue Arbeitsplätze geschaffen werden könnten". Ähnlich fordert der Bauindustrie-Verbands- Chef Michael Knipper zu längerer Arbeit für gleichen Lohn auf. In dieselbe Richtung gehen die Ansätze des Bundeswirtschaftsministers Wolfgang Clement (SPD), eventuell Feiertage zu streichen.

Hauptgründe für längere Arbeit sind niedrigere Lohnkosten und damit eine verbesserte Wettbewerbslage des betreffenden Unternehmens. Betriebswirtschaftlich stimmt das zunächst einmal. Um aber die Wirkung auf die Arbeitslosigkeit zu beurteilen, muss der Vorgang volkswirtschaftlich betrachtet werden. Das ergibt: Erzielt ein Unternehmen A durch Längerarbeit auf dem praktisch gesättigten Markt mehr Absatz, dann wird ohne zusätzliche Kaufkraft dieser Mehrabsatz zum Minderabsatz der Konkurrenz und führt dort wie insgesamt in der Branche zum Arbeitsplatzabbau. Und folgt die ganze Branche dem Beipsiel von Unternehmen A, ergibt sich das Gleiche, weil nicht mehr Autos oder Staubsauger gebraucht werden, diese aber nun von weniger Leuten hergestellt werden.

Noch offensichtlicher wird die Wirkung längerer Arbeitszeiten im Gesundheitswesen, im öffentlichen Dienst oder bei sonstigen Dienstleistern: Die Zahl der dann noch benötigten Arbeitskräfte steigt nicht, sondern fällt. Exemplarischer Beleg: Die längeren Ladenöffnungszeiten haben keine neuen Arbeitsplätze geschaffen! Obwohl sie so begründet worden waren.

So bleibt nur, die noch benötigte Arbeit auf alle Arbeitswilligen zu verteilen, also die Zeit pro Arbeitenden zu verkürzen, zum Beispiel ganz drastisch auf 30 Wochenstunden. Das reicht für alle jetzt Arbeitslosen. Natürlich steht dabei die Frage des Lohnausgleichs. Klar ist: Voller Lohnausgleich für alle würde alle Preise hochtreiben. Das wäre Selbstbetrug. Ganz ohne Ausgleich träfe es aber Niedrigverdiener hart. Die Lösung ist gestaffelter Lohnausgleich: Niedrigverdiener hohen Ausgleich, höhere Einkommen weniger oder nichts.

Mit einem solchen Weg würde das Arbeitgeber-Argument der zu hohen Lohnkosten bei kürzerer Arbeitszeit weitgehend entkräftet. Mehr noch: Eine Arbeit aus dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ergab: 1995 hätte in den alten Bundesländern eine Arbeitszeitverkürzung um nur zehn Prozent die Arbeitslosigkeit auf fast Null gedrückt, dabei wären die Bruttolöhne zwar um zehn Prozent gesunken, die Nettolöhne aber nur um ein bis fünf Prozent -wegen niedrigerer Sozialabgaben und Steuern: Weil mit einer Arbeitslosenrate von fast Null der Beitrag zur Arbeitslosenversicherung auch auf fast Null gehen und der Beitrag zur Krankenversicherung sinken könnte (denn Arbeitslose zahlen weniger ein, sind aber mehr krank). Ebenso sinkt die Steuerrate, denn: Ein Arbeitsloser kostet heute rund 20 000 Euro (Bundesanstalt für Arbeit). Genau diese Effekte von drastischer Arbeitszeitverkürzung ergeben die notwendige Senkung der Lohnnebenkosten -viel besser als die Agenda 2010.

Dass kürzere Arbeitszeit nicht nur theoretisch gut ist, hat das VW-Modell mit 28,8 Wochenstunden belegt, wo 30 000 Arbeitsplätze erhalten wurden. Oder jüngst die Absenkung der Arbeitszeit im Dresdner Rathaus auf 36 Stunden, was 335 Kündigungen vermied. Dass schließlich auch Neueinstellungen möglich sind, zeigte das niedersächsische Modell: Hier brachte freiwilliger Stundenverzicht von 1100 Beschäftigten Arbeit für 275 Arbeitslose.

Werner Schmiedecke, ökumenisches Netzwerk "Christen streiten für gerechtere Verteilung von Erwerbsarbeit"

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 27 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Dienstag, 08.07.2003

Aktuelle Buchtipps