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Aus der Region

Diese Leichenschau ist ein Tabu-Bruch

"Körperwelten" ab 10. Frebruar in Berlin

Berlin (kna / epd) - Die in Berlin geplante Ausstellung "Körperwelten" stößt auf heftige Kritik der beiden großen Kirchen. Mit Gottesdiensten, Podiumsdiskussionen und Ausstellungen solle die Schau, in der ab 10. Februar präparierte menschliche Leichen gezeigt werden, kritisch begleitet werden, kündigten die Veranstalter eines kirchlichen Begleitprogramms in Berlin an. Sie warfen dem Heidelberger Anatomen Gunther von Hagens vor, mit "Körperwelten" die auch Leichen zukommende Menschenwürde zu missachten.

Die Schau soll bis zum 1. Juli im früheren Postbahnhof am Ostbahnhof in Berlin-Friedrichshain gezeigt werden. Erwartet werden mehrere hunderttausend Besucher. In der Ausstellung sind so genannte menschliche "Plastinate" zu sehen, nach einem neuen Verfahren konservierte menschliche Leichenteile und Leichen. Von Hagens, Erfinder des Verfahrens, begründet die Präsentation damit, dass er die Öffentlichkeit mit "noch nie vorher Gesehenem des menschlichen Körpers" vertraut machen will.

Die Ausstellung hat bereits in mehreren deutschen Städten heftige Kritik vor allem der Kirchen ausgelöst. Auch der Geistliche Rektor der Katholischen Akademie Berlin, Ernst Pulsfort, wertet sie als "Tabu-Bruch". Gesichtslose, gehäutete und zersägte menschliche Leichen würden "der öffentlichen Sensationsgier freigegeben". Das lateinische Requiem in der Akademiekirche, mit dem er das kirchliche Begleitprogramm am 14. Februar eröffnet, versteht er als "angemessenste Reaktion" darauf.

Mit ihren Veranstaltungen wollen das Erzbistum Berlin und die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg jedoch auch die Bereitschaft der Ausstellungs-Besucher aufgreifen, sich dem "weitgehend verdrängten Thema des Todes und dem eigenen Sterben zu stellen". Geplant sind Tagungen und Gesprächsabende, bei denen es um Sterbehilfe und Gentechnik, um ein Leben nach dem Tod und die Grenzen künstlerischer Darstellung geht. Eingeladen sind auch Experten, die an der Entstehung der "Körperwelten" mitgearbeitet haben. Der Direktor der Evangelischen Kulturstiftung Sankt Matthäus, Christhard Georg Neubert, versteht die kirchlichen Angebote nicht als "Gegenprogramm". Die Leichen-Schau ist für ihn "ein erstklassiger Anlass, den alten Konflikt zwischen Menschen- und Körperbild" aufzuzeigen. Ungeachtet dessen sieht auch er die Ausstellung kritisch. Sie ist für ihn eine "Neokolonialisierung des menschlichen Körpers", die im Unterschied zur Kunst "nichts wirklich Neues" über den Menschen aufscheinen lasse.

Auch die Religionspädagogen haben die Ausstellung für ihre Zwecke entdeckt. Seit November werden Materialien und Fortbildungsveranstaltungen für die Religionslehrer vorbereitet, die an Oberschulen in Berlin und Brandenburg unterrichten. Sie erwarten, dass die "Körperwelten" auf Jugendliche "wie ein Magnet" wirken und für Gesprächsstoff über Sterben, Bioethik und Ästhetik sorgen. "Tod und Auferstehung ist ein ureigenes Thema der Kirchen", betont der Pressesprecher der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg, Reinhard Lampe, und hofft, dass die "Körperwelten" dies, wenn auch ungewollt, in Erinnerung rufen.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 5 des 51. Jahrgangs (im Jahr 2001).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 04.02.2001

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