Jetzt 4 Wochen kostenfrei Tag des Herrn lesen!
Bistum Magdeburg

Vorsichtige Annäherung

Zum Verhältnis von Bibel, Kirche und Kultur -Eine Veranstaltung in Dessau

In der Kunst offen für die religiöse Dimension: Tänzerinnen des Dessau-Balletts zeigen einen Ausschnitt aus dem Werk 'Caminos del alma' (Wege der Seele).

Dessau -Das Verhältnis zwischen Kirche und Kunst ist heute entspannter als noch vor einigen Jahren. Dies machte der Münchner emeritierte Professor für christliche Weltanschauung, Religions- und Kulturtheorie und langjährige Bayerische Kultusminister Hans Maier deutlich. Bei einer Veranstaltung zur kulturellen und künstlerischen Wirkungsgeschichte der Bibel in der Dessauer Marienkirche sagte Maier, der auch Vorsitzender der Stiftung Bibel und Kultur ist: "Das Verhältnis ist heute spannungsvoll und aussichtsreicher als in den zurückliegenden Jahren." Und: "Das Christentum ist in den heutigen, oft nicht mehr schönen Künsten (gemeint ist, oft nicht das Schöne darstellend) gegenwärtiger als viele meinen."

"Wenn ich Christus tanze, bin ich ihm verbunden"

Zu dem Forum hatten am 8. Mai anlässlich des Jahrs der Bibel das Bistum Magdeburg, die Evangelische Kirche der Kirchenprovinz Sachsen und die Anhaltische Landeskirche eingeladen. Dementsprechend waren auch die Bischöfe Leo Nowak, Axel Noack und Kirchenpräsident Helge Klassohn gekommen. Den Auftakt setzte das Dessau- Ballett des Anhaltischen Theaters Dessau: Im Gespräch mit der Vorsitzenden der Anhaltischen Bibelgesellschaft Dessau, Gudrun Discher, gab Solotänzer und Ballett-Manager Michael Ihnow zunächst einen Einblick in seine Beziehung zu Bibel und Christentum im Kontext seiner Arbeit. Die Ballett-Compagnie hatte im Bach-Jahr 2000 über zwei Spielzeiten die h-Moll-Messe im Anhaltinischen Theater aufgeführt, Ihnow die Rolle Jesu Christi übernommen. "Wenn man eine bestimmte Figur tanzt, muss man sehr tief in sie einsteigen", so Ihnow. "Wenn ich Christus tanze, bin ich ihm natürlich sehr verbunden. Ich bin kein aktiver Christ. Doch im Tanz erlebe ich: Die Verbindung zu ihm ist da. Besonders beim ,../../incarnatus est' (und ist Mensch geworden) hatte ich das Gefühl: Er bringt die Botschaft, wird aber nicht verstanden. Es ist etwas Großes für mich, dieses immer wieder auf der Bühne durchleben zu können."

Der Balletttänzer erinnerte daran, dass der Tanz etwa als Reigen einmal ganz selbstverständlich zur Liturgie gehörte. Es sei der Wunsch von Chefchoreograph Concalo Galguere und sein eigener, die h-Moll-Messe einmal in einer Kirche aufführen zu können. Im Anschluss zeigten sechs Tänzerinnen und vier Tänzer einen Ausschnitt aus dem Werk "Caminos del alma" (Wege der Seele) der Choreographin Maria Rovira aus Barcelona.

Kultur als freundlicher Nachbar der Religion

Was das Dessau-Ballett vor den leider nur 60 Veranstaltungsteilnehmern mit seiner Darbietung verdeutlichte, hob Religionsund Kulturphilosoph Hans Maier ins Wort des Wissenschaftlers: Zwei Aussagen, die bislang gültig gewesen seien, stimmten heute nicht mehr: "Dass religiöse Kunst ausschließlich in den Binnenraum der Kirche gehört" Und: "Dass religiöse Fragen kein Thema der Künste sind".

Kirche und Kunst verzichteten heute glücklicherweise auf den Versuch der gegenseitigen Vereinnahmung. Im Blick auf Baukunst und Musik sei die Beziehung ja nie besonders schwierig gewesen, so Maier. Man denke etwa an Bauten von Antoni Gaudi oder Charles Edouard Le Corbusier, Musik von Paul Hindemith oder Olivier Messiaen. Problematischer sei das Verhältnis von Kirche und bildender Kunst. Dies reiche "vom faktischen Verschwinden des Bildes im Kirchenraum bis zu der Schwierigkeit, Erwartungen der Gemeinden an Kunstwerke mit den Autonomievorstellungen der Künstler in Einklang zu bringen". Doch "auf der Suche nach Beheimatung, nach neuer Spiritualität und postmaterieller Ethik" gebe es heute durchaus "vorsichtige Annäherungen", zumal die Kirchen- und Religionskrise Teil einer allgemeinen Kulturkrise ist, in der auch die Künstler steckten. Kinofilme wie "Der Himmel über Berlin" zum Beispiel hätten auf geradezu "spielerische Weise" die biblischen Vorstellungen vom Himmel und den Engeln wieder greifbar gemacht. "Am dichtesten beiei-nander" seien Bibel, Christentum und Literatur, wenn es um die Darstellung menschlicher Grenzsituationen gehe.

Nach geeigneten Bibelübersetzungen für den Gottesdienst gefragt, meinte Maier: "Es gibt eine Aufnahme der religiösen Dimension auch vor einem vollen intellektuellen Verständnis." Insofern sei die "elementare Fremdheit der christlichen Botschaft" auch in der Sprache durchaus eine Chance. "Das Geheimnisvolle spielt eine Rolle." Dennoch gelte es, "das Mysterium mit der Vernunft zu begleiten", da das Christentum "keine Mysterienreligion für Eingeweihte", sondern für alle Menschen da sei. Maier berichtete, in Frankreich, wo Staat und Kirche strikt getrennt sind, würde in den Schulen Religionskunde eingeführt: "Vielleicht ist der kulturelle Zugang gar nicht so schlecht. Die Kultur kann ein freundlicher Nachbar der Kirche sein."

Der christliche Blick auf die Welt als Ganze

Der Religions- und Kulturphilosoph erinnerte daran, "dass das Christentum die Menschheit gelehrt hat, die ganze Welt und nicht nur ihre ideale Oberfläche zu sehen." Fortan seien "auch die einfachen Menschen und die Gequälten im Blick", was in der Antike, wo nur die Siegreichen und die Großen in den Mittelpunkt gerückt wurden, undenkbar war. Von daher dürfe man sich in einer Zeit der Völkermorde nicht wundern, wenn in Kunst, Literatur und Musik auch das Leid, der Krieg, das Hässliche zum Zuge kämen.

Der Magdeburger Landesbischof Noack wies darauf hin, dass es entsprechender "Antennen" bedürfe, um Zugang zur Kunst und (über sie) zur Religion zu finden. Nicht wenigen Menschen fehlten sowohl diese Antennen als auch nötige Grundkenntnisse.

Eckhard Pohl

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 21 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Dienstag, 01.07.2003

Aktuelle Buchtipps