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Bistum Görlitz

Die Heilige Schrift hinter Gittern

In der JVA Spremberg schreibt ein Insasse einen Teil der Offenbarung des Johannes ab

Im Gespräch: Pfarrer Norbert Joklitschke schlug Sven M. (links) vor, einen Teil der Bibel abzuschreiben.

Spremberg (mim) -Jeden Tag sitzt er für einige Zeit hier -an einem Tisch auf einem Plastikstuhl. Die Wände des Zimmers sind weiß getüncht und kahl. Schaut er aus dem Fenster, sieht er lediglich einen Zaun, zusätzlich gesichert mit Stacheldraht. Hier in der Zelle der Justizvollzugsanstalt (JVA) Spremberg hat Sven M. (Name von der Redaktion geändert) eine Kurzstrafe von 140 Tagen zu verbüßen.

Täglich dasselbe Ritual. Vor ihm liegen ein paar weiße Seiten Papier und eine Bibel: Sven M. schreibt einen Teil der Offenbarung des Johannes für die große handschriftliche Bibel des Bistums ab -genau so, wie es schon viele Gemeindemitglieder im ganzen Bistum vor ihm getan haben. "Der Pfarrer hat mich gefragt, ob ich Lust hätte, einige Seiten der Bibel abzuschreiben", sagt der 27-Jährige. "Ich fand das interessant und hab zugesagt."

Norbert Joklitschke, Pfarrer der Spremberger St.-Benno -Gemeinde, ist zudem der katholische Gefängnisseelsorger in der Justizvollzugsanstalt. Er hat Sven M. auf die Idee gebracht, an der Aktion Bistumsbibel mitzuschreiben. "Ein bisschen Unterstützung kam uns in der Gemeinde ganz gelegen", sagt Pfarrer Joklitschke schmunzelnd.

Für Sven M. ist es keineswegs eine Premiere, ein Stück aus der Bibel mit der Hand abzuschreiben. "Ich habe schon mal einen Teil des Römerbriefes abgeschrieben -Da saß ich bereits im Gefängnis", sagt er nachdenklich. "Mir hat die Wortwahl des Römerbriefes gefallen. Ich hätte es fast selber so geschrieben. Also hab ich den Brief abgeschrieben, um für meine Freunde meine Gefühle auf Papier zu bringen."

Ausländische Freunde, die Juden oder Muslime sind

Der junge Mann ist nicht kirchlich erzogen worden, "doch die Bibel ist mir nicht fremd", sagt er. Er habe ausländische Freunde, die dem Judentum oder dem Islam angehören. "Für die bist du als Deutscher immer ein Christ -egal ob getauft oder nicht", so Sven M. "Also habe ich angefangen in der Bibel zu lesen. Damit ich weiß, als wen sie mich bezeichnen und worum es beim Christsein überhaupt geht." Von da an hat der 27-Jährige öfter die Bibel zur Hand genommen. "Ich denke, viele Sachen in der Bibel sind parallel zur heutigen Welt. Vor 2000 Jahren haben sie sich mit Steinen getötet -heute tut man es mit Panzern", so Sven M. "Als sei die Zeit stehen geblieben oder noch schlimmer geworden."

Seine Mitinsassen können Svens Interesse an der Heiligen Schrift nicht so recht nachvollziehen. "Man wird belächelt, wenn sie hören, dass man die Bibel abschreibt", sagt er. "Aber das hält mich davon nicht ab -im Gegenteil sogar." Bereits jetzt hat er Pfarrer Joklitschke weitere Unterstützung zugesichert, sollten noch einige Seiten für die Bistumsbibel abzuschreiben sein. Und wie findet Sven M. generell die Idee, zum Jahr der Bibel die Heilige Schrift mit der Hand abzuschreiben? Mit einer Selbstverständlichkeit in seiner Stimme sagt er: "Hätten wir 2003 das Jahr der Musik, dann wäre es doch auch besser gewesen, selber Musik zu machen, als nur eine Platte in den Plattenspieler zu legen ..."

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 26 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 26.06.2003

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