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Eine Sonne für Hoyerswerdas Kranke

Vorgestellt: Sr. Magdalena aus dem Kloster Reute

Sr. Magdalena Hoyerswerda - Am Ende des langen Flurs winkt jemand von weitem. Die Frau im dunkelblauen Bademantel nickt freundlich mit dem Kopf. Auf dem ausgemergelten Gesicht eines alten Mannes breitet sich langsam ein zaghaftes Lächeln aus. Auch der junge Pfleger, der vorbeieilt, grüßt freundlich, als Schwester Magdalena Vesenmayer im Klinikum Hoyerswerda von einem Krankenzimmer zum anderen geht.
Die fast 55-Jährige ist eine der vier Franziskanerinnen von Reute, die in der Lausitzstadt leben. Dabei hatte sich die Baden-Württembergerin ihr Leben als junger Mensch ganz anders vorgestellt: Sie ging gern tanzen, wollte eine Familie gründen und mindestens sechs Kinder haben, so wie sie es zu Hause auf dem Bauernhof erlebt hatte. Ihre Berufung, sagt sie heute, sei eine andere gewesen: Nach Ausbildung und Dienst am Amtsgericht Esslingen trat Marianne, so hieß Schwester Magdalena mit Taufnamen, ins Kloster Reute in Oberschwaben ein.
Beruflich war sie dort zunächst in der Finanzverwaltung des Mutterhauses eingesetzt. Von 1973 bis 1976 studierte die junge Ordensfrau im Seminar für Religionspädagogik und Katechese in Freiburg im Breisgau. Das anschließende praktische Anerkennungjahr zur Gemeindereferentin absolvierte sie in Erbach bei Ulm. "Magdalena, ich brauche dich in Ravensburg im St. Elisabethkrankenhaus als Klinikseelsorgerin", sagte dann ihre damalige Generaloberin.

"Da habe ich erst mal geschluckt", erinnert sich Schwester Magdalena. "Mit Leib und Seele stand ich in der Gemeindearbeit." Doch sie stellte sich der neuen Aufgabe und war bald, wie sie sagt, "tief glücklich in diesem Dienst an den kranken Menschen". Ihrer Meinung nach ist eine solch menschlich-seelsorgliche Nähe in keiner anderen Tätigkeit so erlebbar wie in der Klinikseelsorge.

1984 wurde Schwester Magdalena 38-jährig von ihrer Gemeinschaft zur Generaloberin der Franziskanerinnen von Reute gewählt. Sechs Jahre war sie für rund 900 Schwestern und 2500 freie Mitarbeiter in allen Einrichtungen des Klosters verantwortlich. Danach wollte sie wieder "ganz in den Dienst an der Basis".

Die Gelegenheit dazu ergab sich 1991 im Bistum Görlitz, der Partnerdiözese von Rottenburg-Stuttgart. Ein "ganz neues Gebiet" sei das für sie gewesen, sagt Schwester Magdalena im Nachhinein, ähnlich wie für andere Schwestern Brasilien oder Indonesien. Dennoch habe sie im Herzen klar ihre Berufung gespürt: "Ich muss dahin gehen."

Am 1. Oktober 1991 kam Schwester Magdalena nach Hoyerswerda, zusammen mit drei Mitschwestern: Schwester Manfreda Kopp leitet das Katholische Kinderhaus St. Elisabeth. Schwester Hildegard Oechsle arbeitet in der Gemeinde, hat dort zum Beispiel eine Seniorentanzgruppe gegründet, betreut die Ehrenamtlichen und besucht ältere Menschen. Außerdem führt sie für die Schwestern den Haushalt. Bis Ostern 1999 lebte auch Schwester Rebecca Langer in Hoyerswerda und leitete die Caritassozialstation. Ihr Zimmer im Gemeindezentrum "St. Thomas Morus" bewohnt jetzt Schwester Gisela Ibele. Die 38-Jährige hat gerade in Erfurt ihre Ausbildung zur Gemeindeassistentin abgeschlossen.

Der Tag beginnt früh für die Schwestern: Nach Gebet und gemeinsamem Frühstück ist Schwester Magdalena ab 7 Uhr in der Klinik. Ihren Tagesplan erstellt sie im Seelsorgezimmer beim Andachtsraum. Auf den Stationen erfährt sie, wer von den Patienten Seelsorge wünscht. "Wenn bei Katholiken - aus welchen Gründen auch immer - ein Nein dasteht, gehe ich meist trotzdem hin", sagt die Ordensschwester bestimmt. "Für mich ist jeder Mensch im Klinikum wichtig, jeder, dem ich begegne."

Auch wenn ihr jemand sagt, dass er mit der Kirche nichts zu tun haben will, hakt sie behutsam nach: "Sie haben wohl keine guten Erfahrungen gemacht?" "Ich will sie damit nicht belasten." oder "Ich will darüber nicht reden", laute immer wieder die Antwort. Wenn Schwester Magdalena dann erwidere: "Das tut mir weh, ich gehöre auch zu dieser Kirche", komme es oft zu ganz tiefen Gesprächen. "Ich spüre, dass da etwas aufbricht und neu im Herzen auflebt, dass Befreiung geschieht", sagt die Seelsorgerin. Und gerade darauf komme es ihr an bei ihren Begegnungen mit Christen und Nichtchristen.

Viele Gespräche mit Patienten bleiben der Ordensfrau lange im Gedächtnis: Einmal zum Beispiel kam ein krebskranker Mann zu ihr ins Seelsorgezimmer, dessen Frau ebenfalls an Krebs erkrankt war. Der Mann war vor Jahren aus der evangelischen Kirche ausgetreten, hatte aber bei sich zu Hause in einer Blechdose Briefe aufbewahrt, die er im Krieg an seine Mutter geschrieben hatte. "Liebe Mutter, Gott hat mir geholfen!", stand auf einem der Blätter - Worte, bei denen der Kranke kaum noch glauben konnte, dass sie wirklich von ihm stammten. "Ich, ich habe das selbst geschrieben", sagte er verwundert zu Schwester Magdalena. Als sie ihn nach dem Gespräch fragte, ob es ihm recht sei, wenn sie das Vaterunser bete und dann langsam Satz für Satz zu beten begann, da habe er mitgebetet und ganz überrascht "Ich kann es noch, ich kann es noch!" gerufen. "Es sind oft Augenblicke, die man erkennen muss", ist die Klinikseelsorgerin überzeugt. Damit ihr das auch gelingt, betet sie zum Heiligen Geist.

Während sie so erzählt, lächelt die Ordensfrau immer wieder und ihre Augen mit den vielen kleinen Lachfalten außen herum beginnen zu leuchten. Eine "Schwester der Menschen" will die Franziskanerin sein, ganz nach dem Vorbild des heiligen Franziskus. Am liebsten würde sie sogar einfach so in die Wohnblocks gehen und klingeln, sagt sie, lächelt, fasst sich mit den Fingern an den Mund und überlegt einen Augenblick. "Aber das machen die Zeugen Jehovas", sagt sie dann und klopft an die Tür des nächsten Krankenzimmers.

Karin Hammermaier

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 21 des 51. Jahrgangs (im Jahr 2001).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Mittwoch, 23.05.2001

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