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Bistum Dresden-Meißen

Sorge für die Familien

Die einzige im Bistum Dresden-Meißen gegründete Ordensgemeinschaft feiert Jubiläum: 75 Jahre Nazaret

Selbstständigkeit auch im Alter: Die Bewohner des Altenheims können in einem kleinen Laden Waren des täglichen Bedarfs einkaufen.

Goppeln (mh) -"Die Gründung eines neuen Ordens war oft eine Antwort auf die Nöte der jeweiligen Zeit", erklärt Mutter Maria Huberta Kuttner. Das gilt auch für die Gemeindschaft, der sie seit 2001 als Generaloberin vorsteht: die Nazarethschwestern vom heiligen Franziskus in Goppeln bei Dresden. Die Gemeinschaft wurde am 15. Juni 1928 im damals noch sehr jungen Bistum Meißen gegründet. Von den 26 Ordensgemeinschaften, die es heute im Bistum Dresden-Meißen gibt, sind die Nazarethschwestern die einzige, die im Bistum gegründet wurde und hier auch ihr Mutterhaus hat. Besonderes Anliegen der Gemeinschaft war und ist die Familiencaritas. In diesen Tagen gibt es in Goppeln Grund zum Feiern: Zusammen mit Bischof Joachim Reinelt werden die Schwestern sowie die Bewohner und Mitarbeiter des von ihnen geleiteten Altenheims am 28. Juni das 75-jährige Bestehen des Ordens feiern.

46 Schwestern gibt es heute. Einige sind in der Dresdner Cityund in der Krankenhausseelsorge tätig. Andere arbeiten in Plauen und Bautzen in der Seelsorge oder als Haushälterinnen. Haupttätigkeitsfeld aber bleibt die Familiencaritas. Das von den Schwestern geführte Kinderheim musste allerdings nach der Wende aufgegeben werden, weil es keine staatliche Förderung mehr gab. An seine Stelle trat ein modernes Altenheim sowie eine Seniorenwohnanlage. Oberin Huberta Kuttner: "Altenpflege ist heute eine wichtige Aufgabe. Viele Menschen sind nicht in der Lage ihre kranken Angehörigen zu pflegen." Hier haben nun die Nazarethschwestern ihren Platz gefunden.

Natürlich gibt es auch Sorgen: Die Nachwuchssituation ist nicht anders wie in anderen Orden. Die letzte Schwester ist Ende der 80er Jahre eingetreten. Die Folge ist eine Überalterung. Die Hälfte der Schwestern ist schon nicht mehr voll im Einsatz, im Mutterhaus gibt es allerdings für viele noch eine ganze Menge Beschäftigung. Als Gründe für den Nachwuchsmangel nennt die Oberin den Rückgang der Geburtenzahlen und die kleiner werdenden Pfarrgemeinden.

Das Jubiläum ist für die Schwestern Anlass, auf ihre bewegte Geschichte zurückzublicken. In zwei Räumen haben sie eine kleine Ausstellung eingerichtet. An vielen Orten besonders im Osten Deutschlands haben sie das kirchliche Leben mit geprägt. Ihre Sorge galt dabei -entsprechend der Intention ihrer Gründung -immer der Familie und ihren Nöten, seien es nun geistig behinderte Kinder oder allein erziehende Mütter, Alte und Kranke oder werdende Mütter. In dem von den Schwestern bis 1975 geleiteten Mütterund Entbindungsheim in Dresden wurden 19 798 Kinder geboren.

Anlässlich des Jubiläums wird auch besonders an die Gründerin erinnert. Schwester Maria Augustina (mit bürgerlichem Namen Clara Schumacher). Sie hat die Gemeinschaft geprägt und auch durch die schwierige Zeit des Nationalsozialismus geführt. Besonders hart war dabei die letzte Phase des Krieges. Bei den Bombenangriffen auf Dresden im Februar 1945 kamen sechs Schwestern ums Leben. Zahlreiche Einrichtungen, in denen der Orden tätig war, wurden zerstört.

Das letzte Kriegsopfer der Gemeinschaft wurde die Gründerin selbst. Am 8. Mai 1945, dem Tag der Kapitulation, sitzt sie an der Klosterpforte, als ein betrunkener russischer Soldat mit Maschinenpistole auftaucht. Oberin Augustina will ihre Mitschwestern warnen. Der Betrunke feuert auf sie. Vor dem Eingang zum Refektorium, dem Speisesaal der Schwestern, bricht sie blutüberströmt zusammen und stirbt. Heute erinnert ein Kreuz im Fußboden und ein Porträtbild an der Wand an Mutter Augustina. Als einzige Schwester ist sie übrigens auf dem Gelände in Goppeln begraben, weil es wegen der Kriegsfolgen nicht möglich war, sie in der Grabstelle der Schwestern in Dresden zu beerdigen.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 26 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 26.06.2003

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