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Aus der Region

Wie schmeckt eine Hostie?

Ein Streifzug durch die erste Nacht der Kirchen in Dresden

Wie schmecken Hostien und Messwein? Katharina, Louise und Theresia (von links nach rechts) erklären den Besuchern Symbole des katholischen Gottesdienstes.

Dresden (mh) -Was trägt ein Priester unterm Messgewand? Wie schmeckt eine Hostie? Warum ist die größte Kirche im protestantischen Sachsen (die Kathedrale in Dresden) katholisch? -Viele Fragen. Wer Antworten suchte, konnte sie am vergangenen Samstag in Dresden finden: Zum ersten Mal fand eine Nacht der Kirchen statt. 65 Gotteshäuser hatten geöffnet. 40 Seiten stark war die Programmübersicht. Und darin konnte jeder etwas finden: Kirchenführung oder Meditation, Konzert oder Theaterspiel, Informationsangebote oder Gespräch bei Kaffee und Kuchen. "Gehen -sehen -entdecken" hieß das Motto, das schon tagelang auf Plakaten in der Stadt zu sehen war. Und Zehntausende nahmen die Einladung an.

Erste Station: Pfarrei "Heilige Familie" in Zschachwitz. Um 18 Uhr startet hier die Nacht der Kirchen. Am Anfang gibt es ein Musical. In einer bis auf den letzten Sitzplatz gefüllten Kirche singen und spielen die Kinder mit wachsender Begeisterung die Geschichte vom barmherzigen Samariter. Nach dem Musical setzt eine Art Völkerwanderung ein -in die benachbarte evangelische Stephanuskirche, wo das Programm mit einem Abendgruß für Kinder und Erwachsene weitergeht. Der Weg ist nicht zu verfehlen, denn zwischen beiden Kirchen ist eine Stoffgirlande gespannt. Menschenmassen und Girlande entlocken einem Anwohner die Frage über den Gartenzaun: "Was ist denn hier los?"

"Wir wollen zeigen, dass wir offen sind für alle", sagt Gemeindereferentin Carola Gans. Deshalb müssten zuerst die vielen Berührungsängste abgebaut werden. "Und dann können wir auch das Wichtigste rüberbringen -unsere Botschaft."

Zweite Station: Pfarrgemeinde St. Petrus in Strehlen. Zu jeder vollen Stunde gibt es hier einen anderen Schwerpunkt, zum Beispiel Himmelsmusik, Eine Welt, Heilige oder Ökumene. Die Gemeinde -es gibt hier eine eigene Kommission "Missionarische Gemeinde" -hat sich stark in der Vorbereitung engagiert. "Was können wir den Leuten vermitteln?", hieß eine Frage. Und eine Antwort war ein "Blick hinter die Dinge" -zum Beispiel in der Stunde der Sinnlichkeit. "Der katholische Gottesdienst lebt von vielen Symbolen. Und diese sichtbaren Symbole verweisen auf eine unsichtbare Wirklichkeit", erklärt Pfarrer Christoph Baumgarten den Besuchern, von denen er die meisten nicht kennt. Dann haben alle die Möglichkeit, mit ihren Sinnen auf Entdeckungsreise durch die Kirche zu gehen. Die Ministranten haben eine Rundgang aufgebaut und erklären an zehn Stationen, wie das mit den Messgewändern und ihren Farben ist und mit Weihrauch und Glocken, mit Brot und Wein. Und wer will, kann auch eine Hostie kosten. Nach dem Rundgang zeigt die Gemeinde im Pfarrhof den Besuchern ihre Gastfreundschaft auf eine andere Weise: Jeder ist eingeladen zur "Agora der Gastlichkeit", einem Imbiss im Pfarrhof.

Dritte Station: Katholische Kirche St. Paulus in der Bernhardstraße. "Ich hatte gedacht, wir würden hier vor fünf, sechs Leuten singen", meint der Gitarrist. Stattdessen ist auch hier -wie vielerorts an diesem Abend -die Kirche voll. Dem Gospelkonzert schadet das nicht, im Gegenteil: Schnell ist das Eis gebrochen, erst klatschen, dann singen die Leute in den Bänken mit. Pfarrer Gerhard Röhl ist überrascht: "Die Leute strömen hierher. In einer Stunde waren über 100 Menschen da." Die Anonymität dieses Abends sieht er als großen Vorteil. "Die Leute müssen keine Angst haben, dass sie gleich angesprochen werden. Wir müssen ihnen mehr Freiheit lassen, dann verschwinden auch die Hemmschwellen."

Vierte Station: Kathedrale St. Trinitatis (Hofkirche) in der Altstadt. So etwas hat Christoph Pötzsch noch nicht erlebt. Der hauptberufliche Justitiar des Bistums bietet regelmäßig Führungen in und um die Hofkirche an. Heute sitzen vor ihm 800 Leute. Und später am Abend wiederholt er die Führung wegen des großen Interessen noch einmal. "Wissen Sie, wie schön das ist", freute er sich auch über seltsame Fragen wie etwa die nach den "Waschbecken" am Eingang. Deutlich sei ihm aber auch geworden, wie häufig -trotz allen Bemühens -noch immer eine unverständliche Sprache verwendet wird. "Wir schreiben Sakristei auf ein Hinweisschild, aber die Leute können damit nichts anfangen."

Er habe zwar an diesem Abend mit vielen Menschen gerechnet, aber dass es so viele sind, "ist überwältigend", gesteht Dompfarrer und Dekan Klemens Ullmann. Das zeige, dass es gelungen ist, die Hemmschwelle herunter zu setzen. Und deshalb war für ihn die Nacht der Kirchen ein voller Erfolg.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 26 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 26.06.2003

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