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Bistum Görlitz

"Damit es nie wieder passiert ..."

Forschungsgruppe des Xenos-Projektes stellt Film über jüdisches Leben in der Niederlausitz vor

Zeigten sich gerührt von dem Dokumentarfilm 'ihrer' Geschichte: Bernhard und Erna Etis (Bildmitte) mit Jugendlichen, die den Film gemacht haben.

Cottbus (ks) -Eine Filmpremiere gab es im Cottbuser St.- Johannes-Haus noch nie - bis zum 6. März: An diesem Tag präsentierte eine Gruppe Jugendlicher einen Dokumentarfilm mit Ergebnissen ihrer Untersuchungen zum jüdischen Leben in der Niederlausitz. Bei ihren aufwändigen Recherchen stießen sie auf Bernhard Etis (84), das letzte noch lebende Mitglied der Cottbuser jüdischen Gemeinde aus den Jahren vor 1945. Er und seine Ehefrau Erna Etis (83) erklärten sich bereit, ihre Erlebnisse aus den Dreißiger und Vierziger Jahren in einem Film darzulegen.

So entstand der Dokumentarfilm: "Die Frau des letzten Juden", durch den Erna Etis führt. Ihr Mann, Sohn eines jüdischen Schneidermeisters, wurde mit seiner Familie Opfer der Judenverfolgung. Durch die traumatischen Erlebnisse im Konzentrationslager Buchenwald und das über 20-jährige Zwangsexil, das ihn über Paris nach Bolivien führte, ist er stark sprachbehindert.

Originalschauplätze wecken Erinnerungen

Der Film sucht in Cottbus Stationen auf, die Erinnerungen wecken. Beispielsweise bildet eine Traditionsstraßenbahn die Kulisse für einige Filmausschnitte, denn hier standen sich Erna und Bernhard Etis 1961 zum ersten Mal in einer Straßenbahn gegenüber. Damals hatte Bernhard Etis bei dem ersten Besuch seiner Heimatstadt nach der Emigration einen Straßenbahnfahrschein von einer jungen Cottbuserin geschenkt bekommen. Die beiden lernten sich kennen und bereits bei seinem zweiten Cottbusbesuch heiratete Bernhard Etis diese Frau.

Die beeindruckenden Szenen von rollenden Eisenbahnrädern, halb verfallenen Häusern und pulsierendem Stadtleben lassen dem Zuschauer Zeit, eigenen Gedanken nachzugehen. Und mitten drin immer wieder Erna Etis, die den Zuschauer in das Erleben des Juden Bernhard Etis einbindet. Als am Ende des Films der Beifall leiser wird, sagt Erna Etis vor über 100 Anwesenden, noch immer selbst beeindruckt: "Es ist so schön, dass auch alles wiedergegeben ist. Und dennoch war das nur ein Minuteneinblick." Und dann sprudeln die nicht im Film genannten Erlebnisse in schönster "Cottbuser Grammatik" aus ihr heraus. Sie erzählt frei und ungezwungen, wie sie sich als 20- Jährige um jüdische Menschen in ihrer Nachbarschaft kümmerte, darunter auch die Familie Morgenstern. "Wenn ihr am Tag nich raus dürft, kommt, wir gehen bei meine Mutter Kaffee trinken", so ihre Hilfe gegenüber verängstigten jüdischen Nachbarn. Erna Etis hat Familie Morgenstern vor Verschleppung, Zwangsarbeit und letztlich vor dem Tod gerettet. Ihre Erfahrung sagt: "Auch kleine Dinge und Taten können Großes bewirken."

Mit Tränen in den Augen bedankt sie sich bei den jungen Menschen, die mit viel Liebe zum Detail schlimme Stunden vergangener Geschichte der Nachwelt erhalten: "Damit dieser Wahnsinn nie wieder kommt. Das sind doch alles Menschen so wie ich und du," sagt sie. Bernhard Etis ist heute Ehrenmitglied der neuen jüdischen Gemeinde, die ausschließlich aus Juden der einstigen Sowjetunion besteht.

Projekt als Chance für Jugendliche ohne Job

Der Film ist im Rahmen des Forschungsprojektes "Xenos" entstanden. An dem Projekt arbeiten Jugendliche, die trotz Berufsausbildung zur Zeit keine Chance auf dem Arbeitsmarkt haben. "Xenos" kommt aus dem griechischen und bedeutet "der Fremde". Deutschlandweit finden sich mehrere derartige Projekte, so auch in Cottbus und in Görlitz. Am 1. März 2002 startete der Caritasverband der Diözese Görlitz, unterstützt durch Mittel des Europäischen Sozialfonds und der Arbeitsämter Cottbus und Görlitz das Projekt: "Dem Fremden begegnen -Jüdisches Leben in der Lausitz". 24 junge Leute forschen und tragen mosaikste../../inchenweise Geschichte und Geschichten des jüdischen Lebens der Region zusammen, um sie einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. In Görlitz und Cottbus untersuchen Gruppen von zwölf Jugendlichen unter Anleitung jeweils eines Sozialpädagogen und eines Historikers das jüdische Leben der Stadt und des Umlandes.

Xenos-Projekt zeigt erste Erfolge

Der eigentliche Sinn der Arbeit liegt in der persönlichen Weiterentwicklung jedes Einzelnen. Erlernen von Teamarbeit und Verwirklichung eigener Ideen erhöhen für die jungen Menschen die Chancen auf einen Arbeitsplatz. Mit Erfolg: Bisher konnten sechs Teilnehmer in Arbeit oder Ausbildung vermittelt werden. Und auch der Film, der unter Mitwirkung der Berliner "tangens TV" und unter Leitung von Peter Grimm (Berlin) entstand, scheint ein Erfolg zu werden. Bereits jetzt gibt es Interessenten, die den Film in Schulklassen, kirchlichen Gruppen und anderen Vereinen zeigen wollen.

Kontakt / Informationen:
Xenos-Projekt,
Straße der Jugend 23,
03046 Cottbus,
Tel. (03 55) 38 00 37 60,
Fax: (03 55) 38 00 37 61.
Ansprechpartner:
Hartmut Lauermann

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 11 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Dienstag, 24.06.2003

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