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Bistum Erfurt

Die Einheit schon lange verwirklicht

Konfessionsverbindende Ehen sind die Lotsen der Ökumene / Ein Beispiel aus Weimar

In beiden Kirchen zu Hause: Rainer und Christina Gutmann mit den beiden jüngsten ihrer fünf Kinder - Anne-Maria (14) und Cornelius (18).

Weimar - "Nicht so schlimm, das kriegen wir hin", dachte der Katholik Rainer Gutmann, als er erfuhr, dass seine zukünftige Frau Christina evangelisch ist. Aber der Sozialpädagoge aus Heyerode im Eichsfeld hatte die Rechnung ohne seine Familie gemacht, denn die leistete erheblichen Widerstand. Und mit der Nachricht, einen Katholiken heiraten zu wollen, löste Christina Gutmann, die in einem gläubigen evangelischen Elternhaus in Dresden aufgewachsen war, auch nicht gerade Begeisterungsstürme bei ihren Lieben aus. Die beiden haben sich aber durchgesetzt. Und worauf sie heute noch stolz sind, ist die Tatsache, dass ihre Trauung Anfang der 70er Jahre die erste ökumenische in der (katholischen) Dresdener Hofkirche überhaupt war.

Das Problem sind die Konfessionen

Der Alltag in konfessionsverschiedenen Ehen ist jedoch alles andere als eitel Sonnenschein. Hier wird der Schmerz der Kirchentrennung besonders deutlich. Die Paare spüren die Unterschiede unmittelbar. Die Gestaltung des religiösen Lebens, Taufe der Kinder und ihre christliche Erziehung, gemeinsame Feste oder Gottesdienstbesuche. Alles kann zum Problem werden. "Etwa ein Drittel der praktizierenden Christen in Deutschland leben in einer konfessionsverschiedenen Ehe. Tendenz steigend", weiß Jörg Beyer aus Tübingen, Pressesprecher des "Netzwerkes konfessionsverbindender Paare und Familien". Genaue Statistiken gebe es nicht. "Die eigentlichen Probleme sind aber nicht die Paare, sondern die Konfessionen", meint der Protestant Beyer, der mit einer katholischen Religionslehrerin verheiratet ist.

Auch Christina und Rainer Gutmann, die heute in Weimar leben, haben in ihrer Ehe um den für beide akzeptablen Weg ringen müssen. Da war zunächst die Taufe der Kinder. Dann: In welchen Gottesdienst, in welchen Religionsunterricht sollen sie gehen? Rainer Gutmann, der inzwischen eine leitende Position bei einem kirchlichen Träger bekleidete, verschweigt nicht, dass es wegen der Taufe auch Druck vom Arbeitgeber gab. Aber das Ehepaar entschied sich, die Kinder zunächst nicht taufen zu lassen. Es wollte sich Zeit lassen. "So entstand ein langer, manchmal auch schmerzhafter Prozess, bei dem wir auf der Suche waren", erinnert sich Rainer Gutmann.

Die fünf Kinder des Paares wurden dann zwischen ihrem neunten und zwölften Lebensjahr katholisch getauft. "Für uns eine besondere Erfahrung", meint Christina Gutmann im Rückblick. "Wir bereiteten mit den Kindern die Feste gemeinsam vor, ihre Taufpaten zum Beispiel haben sie sich alle selber ausgesucht." In dieser langen Zeit der Suche hatte die gelernte Bibliotheksfacharbeiterin auch viel Gelegenheit, sich mit den Besonderheiten in der katholischen Kirche vertraut zu machen, aber auch eigene Standpunkte zu verdeutlichen. So hat die Familie ihren eigenen Weg gefunden.

Auf ihrem jetzt 29-jährigen gemeinsamen Lebensweg haben die Gutmanns, die schon in ihrer Jugend "ökumenische Erfahrungen" gesammelt haben, voneinander gelernt. Wichtig ist für das Ehepaar, den anderen in seiner Eigenart zu akzeptieren. "Wir wollen nicht das Trennende, sondern das Verbindende hervorheben", meint Rainer Gutmann. Und Christina Gutmann betont, dass es doch der "eine Gott ist, den wir anbeten". Der lebendige Umgang mit der Bibel sowie das "freie Gebet" haben den Katholiken Gutmann an der evangelischen Kirche besonders fasziniert. Seine Frau beeindruckt vor allem die Feierlichkeit der Gottesdienste in der katholischen Kirche, was sie in der eigenen etwas vermisst. Keine Frage: Die Familie fühlt sich heute in beiden Kirchen zu Hause.

Etwas nüchtern fällt das Urteil von Christina und Rainer Gutmann allerdings über den Ökumenischen Kirchentag in Berlin aus. "Ich habe nicht sehr große Erwartungen, dass ökumenisch etwas sehr viel Neues passiert, auch wenn die Messlatte sehr hoch liegt. Dafür haben sich die Kirchen vorher zu sehr positioniert", meint Rainer Gutmann. "Und das, was in Berlin passiert, wie gemeinsam feiern, beten, singen oder miteinander sprechen, ist bei uns Normalität. In diesen Punkten haben wir die Einheit schon lange vollzogen". Wenn es die Zeit beruflich erlaubt, wollen die beiden aber trotzdem hinfahren.

"Diese Paare leben die Einheit der Christen"

Für das Netzwerk konfessionsverbindender Paare und Familien ist der Ökumenische Kirchentag in Berlin Ende Mai dennoch ein wichtiges Forum für die Anliegen der Betroffenen. Es gehe, so Presseprecher Jörg Beyer, dabei nicht so sehr um die eigenen Standpunkte, sondern um ein gelingendes Miteinander über die Konfessionen hinweg. Er ist überzeugt: "Diese Paare und Familien leben die Einheit der Christen bereits heute modellhaft." So bezeugten sie im Alltag, "dass die Einheit möglich und bereichernd ist". Auf dem Kirchentag werde es am 30. Mai um 15 Uhr in der evangelischen Kirche in Neutempelhof einen eigenen Wortgottesdienst geben. Motto: "Ein Schiff, das sich Familie nennt - konfessionsverbindende Familien, ihr seid die Lotsen der Ökumene".

Andreas Schuppert

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 11 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Dienstag, 24.06.2003

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