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Bistum Erfurt

Religionsunterricht am Scheideweg

Zehn Jahre Schulfach Religion in Thüringen

Erfurt (ep) - Für eine entschiedene Hinwendung zu einer bürgergesellschaftlich orientierten Gestaltung des schulischen Religionsunterrichtes (RU) hat der Erfurter Pastoraltheologe Andreas Wollbold plädiert. In der heutigen Gesellschaft müsse der Religionsunterricht den jungen Leuten helfen, "Orte der Zugehörigkeit zu finden, die ihnen langfristig Bindung und Halt verschaffen", sagte Wollbold am 10. Mai bei einer Festveranstaltung anlässlich des zehnjährigen Bestehens des schulischen Religionsunterrichtes in Thüringen.

Nur der werde sich langfristig und nicht nur in Eigeninteressen in der Gesellschaft (im Sinne einer Bürgergesellschaft) engagieren, der in bestimmten Überzeugungen und Gemeinschaften Halt gefunden hat, so der Pastoraltheologe von der Theologischen Fakultät Erfurt. "Die Bürgergesellschaft braucht Menschen, die Gesicht zeigen, das Wort ergreifen, und das gewisse Etwas einbringen." Dies sei fundamental für das Gelingen des Gemeinwesens. Religionsunterricht in der Bürgergesellschaft müsse von daher heißen: "Hier wird thematisiert, was die letzten Fundamente des Einzelnen in der Gesellschaft als ganzer berührt, nämlich die - zugegebenermaßen immer fragmentarische - Antwort von Christen heute auf die Suche nach Sinn und Beziehung." Im schulischen Religionsunterricht gelte es deshalb, die Schüler dazu "herauszufordern, zu prüfen, wofür sie ihr Leben einsetzen wollen". Dies werde dort erreicht werden, wo es gelingt, "das Lebenswissen und -engagement möglichst vieler Christen im Unterricht vorkommen und die Schülerinnen und Schüler damit in die Begegnung kommen zu lassen", so Professor Wollbold vor rund 350 Religionslehrerinnen und -lehrern sowie Gästen aus Politik, Kirche und Gesellschaft im Konferenz- und Kongresszentrum der Messe Erfurt.

Der Thüringische evangelische Landesbischof Roland Hoffmann ermutigte die Religionslehrer, auch weiterhin engagiert ihren Dienst am Evangelium zu leisten. "Was Sie im Religionsunterricht lehren, macht das Leben und unsere Erde den jungen Menschen schmackhaft und genießbar", sagte Hoffmann bei einem ökumenischen Gottesdienst zu Beginn des Religionslehrertages, an dem auch Bischof Joachim Wanke und der evangelische Landesbischof Axel Noack aus Magdeburg teilnahmen.

Vertreter von Thüringer Landesregierung und -parlament betonten die vielfältigen Chancen und die Bedeutung des schulischen Religionsunterrichtes für die heutige Gesellschaft. Finanzminister Andreas Trautwetter (CDU), der in Vertretung von Thüringens Ministerpräsident Bernhard Vogel gekommen war, stellte ein "wachsendes Interesse am schulischen Religionsunterricht" heraus. Von den knapp 23 Prozent Schülern, die am evangelischen und den sieben Prozent, die am katholischen RU teilnehmen, sei etwa ein Viertel konfessionslos. Gerade in einer Zeit, in der es "für immer mehr Fragen keine klaren Antworten gibt, bietet der Religionsunterricht eine Chance für die Gesellschaft".

Staatssekretär Hermann Ströbel vom Thüringer Kultusminis-terium sagte, "die hohe Akzeptanz, die der Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach in den letzten zehn Jahren gefunden" habe, bedeute "Anspruch und Verpflichtung für die Zukunft". In der Schule von Gott zu sprechen heiße "immer auch, den Menschen mit all seinen Problemen im Blick haben". Deshalb sei religiöses Lernen zugleich auch soziales Lernen und diene damit dem Gemeinwohl, "dem wir alle verpflichtet sind".

Landtagspräsidentin Christine Lieberknecht, die 1991 als erste Thüringer Kultusministerin den schulischen Religionsunterricht eingeführt hatte, erinnerte an die sozialistisch-atheistische Ideologie, die zu DDR-Zeiten in den Schulen herrschte. Nach anfänglicher Skepsis auch bei den Kirchen habe sich der Religionsunterricht in Thüringen "erfreulich entwickelt" und bietet Chancen, "einen wichtigen Beitrag zur Wertbildung und Wertbindung unserer Jugend zu leisten". Im Mittelpunkt des schulischen Religionsunterrichtes müsse nach wie vor die Gottesfrage stehen. Die Möglichkeiten, durch den schulischen Religionsunterricht dem Christentum gewissermaßen auf neutralem Boden begegnen zu können, "dürfen sicher nicht überschätzt, aber auch nicht unterschätzt werden", sagte Frau Lieberknecht.

Der CDU-Fraktionschef und frühere Thüringer Kultusminister Dieter Althaus (CDU) wies auf akute Gefährdungen für das gesellschaftliche Zusammenleben hin. Es sei derzeit - etwa angesichts der Diskussionen um die Forschung mit Embryonen oder auch beim Lebenspartnerschaftsgesetz - geradezu spürbar, wie sich die Wertvorstellungen veränderten und die Debatten "sehr rational" geführt würden. "Wir sind eine absolut diesseits orientierte Gesellschaft, die sehr wenig an die Zukunft denkt", so Althaus. Der Religionsunterricht könne in der Schule demonstrieren: Es gibt Menschen, die lang erprobte Werte leben. Althaus äußerte die "Sorge", Sachsen-Anhalt werde über kurz oder lang wie Brandenburg Lebensgestaltung - Ethik - Religionskunde (LER) als Schulfach einführen und damit den Religionsunterricht in die Gemeinden verbannen. Christen sollten den Mut haben, "Farbe zu bekennen und darauf bestehen, in einer pluralen Gesellschaft - durch das Grundgesetz geschützt - ihre christlichen Werte leben und einbringen zu können".

Professor Karl Ernst Nipkow, "grand old man" der evangelischen Religionspädagogik, argumentierte nicht zuletzt im Blick auf die noch immer anstehende Bundesverfassungsgerichtsentscheidung hinsichtlich des nicht gewährten schulischen Religionsunterrichtes und des Pflichtfaches LER im Land Brandenburg (erster Verhandlungstag am 26. Juni) vom Grundgesetz her: Weil wir in einem freiheitlichen Staat leben, dürfen Menschen, die einer Religion angehören, nicht nur nicht diskriminiert werden, sondern "haben Eltern und Kinder das Recht zur freien Religionsausübung und damit auf schulischen Religionsunterricht." Dies sollten sie auch einfordern.

Dieser Begründung nach Artikel 4 des Grundgesetztes stellte Pastoraltheologe Andreas Wollbold die "zivilreligiöse", bürgergesellschaftlich orientierte Argumentationslinie gegenüber. Seiner Ansicht nach steht der schulische Religionsunterricht am Scheideweg: Entweder kann er sich seine Anerkennung nur daraus holen, einen Bodensatz an Toleranz, Lebenshilfe und positiver Weltanschauung bieten zu wollen, was ihn zugleich überfordern und unterfordern müsse. Oder aber er nimmt alle Möglichkeiten war, jungen Menschen "die Chance zu einem Leben in Bindung und Halt zu geben, zumal ohne solche derart gebundene Menschen ein Gemeinwesen auf Dauer kaum bestehen kann". Die Frage sei allerdings, "ob das heutige Gemeinwesen dies überhaupt noch will" - eine Frage, die dem gesellschaftlichen Diskurs nicht zu ersparen ist", so Wollbold.

Nach der zivilreligiösen Begründung des Religionsunterrichtes "braucht das Gemeinwesen Wert stiftende Einrichtungen, unter ihnen die Kirchen. Aber auch diese moderne Begründung habe inzwischen an Überzeugungskraft nach außen verloren und müsse weiterentwickelt werden. Wollbold: "Denn eigenartigerweise neigt ein solcher Religionsunterricht dazu, das sperrige Profil des Evangeliums auf das hin abzuschleifen, was zivilreligiös gebraucht wird." Und genau hier liege der angedeutete Scheideweg: "Hat er eher das gemeinsame Wertefundament aller im Blick, wird es ihm zunehmend schwer fallen, dem Eigenen, Besonderen des christlichen Glaubens in der eigenen Kirche genügend Raum zu geben. Will er dagegen genau dieses Eigene thematisieren, steht er in der Gefahr, fundamentalistische Trutzburgen des Glaubens in glaubensloser Umwelt zu errichten." Diesem Dilemma könne man jedoch nicht durch ein Sowohl-als- auch entgehen, sondern nur "in einer entschlossenen Entwicklung von einer staats- zu einer bürgergesellschaftlichen Konzeption von Schule und Religionsunterricht".

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 21 des 51. Jahrgangs (im Jahr 2001).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Mittwoch, 23.05.2001

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