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Bistum Magdeburg

"Vielleicht will uns Gott etwas sagen"

Weihbischof Feige über die Situation der Priester und den Nachwuchs bei geistlichen Berufen

Weihbischof Dr. Feige:

Magdeburg -Weihbischof Gerhard Feige feiert in diesen Tagen sein 25-jähriges Priesterjubiläum. Grund für den TAG DES HERRN, mit ihm über seine Erfahrungen in diesem Weiheamt und über die Situation der Priester und die Frage des geistlichen Nachwuchses zu sprechen.

Weihbischof Feige ist im Bistum für den Einsatz der pastoralen Mitarbeiter verantwortlich.

Frage: Herr Weihbischof, 25 Jahre Priester zu sein -das ist für Sie offensichtlich ein echter Grund zum Feiern. Was lässt Sie froh und dankbar sein?

Weihbischof Feige: Die zurückliegenden Jahre waren nicht unbedingt traumhaft, aber doch immer wieder von neu motivierenden Sinn- und Gotteserfahrungen geprägt. Ich habe den priesterlichen Dienst aus sehr verschiedenen Perspektiven kennen gelernt: als Vikar, als Doktorant in Erfurt und Rom, als Professor für Kirchengeschichte in Erfurt -in dieser Phase gleichzeitig auch als Aushilfsseelsorger in verschiedenen Gemeinden -und nun als Weihbischof. Ich bin froh und dankbar für diese Zeit, nicht zuletzt auch deshalb, weil viele, denen ich begegnet bin, mich mitgetragen haben und ich zu vielen gute Kontakte habe.

Frage: Was hat Sie bewegt, Priester zu werden? Und: Tragen Ihre damaligen Motive bis heute?

Feige: Ich wollte mich für die Menschen engagieren, mit ihnen zusammen die mir geschenkten Gnadengaben einsetzen. Auf mein Primizbild habe ich eine Christusdarstellung ohne Arme drucken lassen, im Sinne des Wortes: Christus hat nur unsere Arme. Später ist mir deutlich geworden, dass ich auch stark von der Liturgie her komme. Mein Heimatpfarrer in Halle, Propst Johannes Langsch, hat auf eine ansprechende und würdige Liturgie großen Wert gelegt. Das hat mich geprägt. Zudem erlebte ich damals in der Propstei eine ganze Reihe von Vikaren und Theologiestudenten. So kam ich bereits in der achten Klasse auf den Gedanken, auch diesen Weg einzuschlagen. Heute ist es für mich wichtig, bei den vielen von mir geforderten Aktivitäten eine Mitte zu haben. Gern lasse ich mich von festlichen Liturgien in das Eigentliche einbeziehen und wieder aufbauen.

Frage: Als Sie sich entschieden, Priester zu werden, waren sogar mehrere aus ihrer Heimatgemeinde auf diesem Weg. Heute wagen den Schritt nur sehr wenige. Welche Gründe sehen Sie dafür?

Feige: Die Gründe sind vielschichtig: Die Gemeinden werden kleiner und damit auch die Zahl der möglichen Kandidaten für den geistlichen Beruf. Es gibt immer weniger lebendige und überzeugende Vorbilder. Verschiedene Priester sind resigniert, haben keine Ausstrahlungskraft. In den Familien wird der Glaube weniger praktiziert. Eltern raten ihrem Sohn ab, Priester zu werden, weil sie fürchten, er könnte scheitern, oder weil sie andere Ideale haben. Zudem gibt es im Vergleich zur DDR-Zeit vielfältige Möglichkeiten, sich für Menschen zu engagieren.

Frage: Welche Rolle spielt das Zölibat?

Feige: Das spielt natürlich eine Rolle. Es ist aber nicht allein das Single-Dasein, vor dem mancher zurückschreckt, sondern vor allem auch die notwendige endgültige Bindung, mit der sich heute Menschen auch im Blick auf die Ehe schwer tun. Zudem untergräbt manche Gemeinde das Ideal des Zölibats, in dem sie deutlich macht, dass ihr die Lebensform der Priester egal ist. Und in der Gesellschaft ist das Bild des Priesters nicht zuletzt durch polemische Angriffe und unseriöse Darstellungen in den Medien angeschlagen. Hinzu kommt bei möglichen Bewerbern die Angst vor Überforderung angesichts zunehmender Pfarrverbände, in denen der Priester Leiter gleich mehrerer Gemeinden ist und viele Aufgaben hat.

Frage: Seit dem Konzil ist das Priesterbild in Bewegung. Müht sich die Theologie zu wenig um Klärung? Fehlt es vielleicht an mutigen Schritten?

Feige: Das Priesterbild ist ohne Zweifel im Wandel. Seit dem Zweiten Vatikanum gibt es eine gewisse Verunsicherung im Verständnis des Priestertums und des wiederbelebten Diakonats nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund der Betonung des allgemeinen Priestertums aller Gläubigen. Hier besteht theologischer Klärungsbedarf. Vielleicht will uns Gott angesichts der zurückgehenden Berufungen etwas sagen. Andererseits muss man auch betonen, dass schon 1970, als wir noch 300 Priester hatten, von Mangel die Rede war.

Frage: Was könnte Gott uns sagen wollen?

Feige: Vielleicht, dass es uns noch zu gut geht oder dass in den Gemeinden mehr Gaben schlummern, als bisher eingebracht werden. Eventuell auch, dass unsere kirchliche Wirklichkeit tiefgreifender Reformen bedarf, um Christi Sendung gerecht zu bleiben. Oder wir noch intensiver gefordert sind, Gottes vermeintliche Abwesenheit zu durchleiden.

Frage: Mit Sorge schaut das Bistum in die Zukunft, wenn im Jahr 2010 wegen Überalterung des Klerus voraussichtlich nur noch die Hälfte der heute rund 150 Priester zur Verfügung steht. Hat die Kirche nicht Fehler begangen, wenn sie fähige Priesteramtskandidaten und Seelsorger weggeschickt hat, weil sie sich nicht auf das Zölibat einlassen konnten oder wollten?

Feige: Da sind wichtige Kapazitäten verloren gegangen. Im allgemeinen kirchlichen Bewusstsein wäre ein Verbleib dieses Personenkreises in seelsorglichen Aufgaben jedoch als problematisch angesehen worden.

Frage: Beim Pastoralen Zukunftsgespräch geht es auch um Strukturen und Kompetenzen. Bei theologischen Überlegungen zur Zukunft der Seelsorge wird oft betont, dass sich die Priester mehr auf die Pastoral im engeren Sinne konzentrieren sollten. Ist es Sache jedes Priesters, fast ausschließlich Seelsorger, Spiritual, sein zu sollen? Oder ist es nicht gerade die Mischung, Geistlicher, Gemeindeleiter, Verwaltungsmann und vielleicht auch Bauleiter zu sein, die den Beruf für manchen attraktiv macht?

Feige: Das Profil des Priesters muss vielfältig bleiben. Keinesfalls darf dabei natürlich die geistliche Dimension fehlen. Indem der Gemeindepriester mitten im Alltag steht, soll er den anderen Gläubigen helfen, das Leben aus dem Glauben zu bestehen. Von Ordensleuten hingegen darf stärker erwartet werden, dass sie in besonderer Weise spirituelle Menschen sind.

Frage: Was tut das Bistum, um junge Leute für einen geistlichen Beruf zu interessieren?

Feige: Dies sollte schon im eigenen Interesse Anliegen jedes Seelsorgers und jeder Gemeinde sein. Es ist ein Unding, Anspruch auf einen Seelsorger zu erheben, wenn man als Gemeinde selbst nichts dafür tut, nicht einmal dafür betet. Seitens des Bistums bietet der Beauftragte für kirchliche Berufe, Pfarrer Jörg Bahrke, jedes Jahr Tage für Interessierte an. Von Plakatwerbeaktionen für den Seelsorgeberuf, wie es westdeutsche Diözesen schon praktiziert haben, halte ich nicht viel. Berufungen erfolgen meiner Meinung nach auf stillere Weise. Bislang mühen wir uns aber sicher zuwenig darum, ein positives Bild der Seelsorgeberufe zu vermitteln.

Interview: Eckhard Pohl

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 14 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Montag, 23.06.2003

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