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Auf zwei Minuten

Die Kathedrale errichten

Stein für Stein am Reich Gottes mitwirken

Pater Damian

Vor langer Zeit, an einem feuchtheißen Nachmittag, verlässt ein einzelner Reisender die sicheren Mauern einer mittelalterlichen Stadt. Als er etwa eine Meile vom Stadttor entfernt ist, sieht er in der Ferne drei Männer langsam auf sich zukommen. Alle drei schieben eine Schubkarre vollbepackt mit Steinen vor sich her. Als der erste Mann herankommt, fragt ihn der Reisende: "Was machst du da?" Verärgert über diese überflüssige Frage, antwortet der müde und durstige Mann: "Ich schiebe eine mit Steinen beladene Schubkarre!"

Als der zweite Mann näher kommt, stellt ihm der Reisende dieselbe Frage. Er erhält jedoch eine andere Antwort: "Ich habe eine Frau und kleine Kinder, sie müssen essen, und ich muss arbeiten, damit sie etwas zu essen haben." Der Reisende geht auf den dritten Arbeiter zu und fragt ihn: "Was machst du da?" Dieser bleibt stehen, stellt die Schubkarre ab und schaut den Fragenden an. In seinen Augen sieht der Reisende nicht nur Erschöpfung und Müdigkeit. Er entdeckt einen Anflug von Stolz und Würde. "Was ich mache? Ich baue eine Kathedrale!"

Welche der drei Antworten würden wir geben, wenn uns jemand nach unserer eigenen Berufsarbeit fragt? Ich vermute, je nach Situation, nach unserem körperlichen Zustand bei der Last und Hitze des Tages und nach unserer Stimmung werden wir uns in den Antworten aller drei Männer wiederfinden. In jedem Beruf gibt es Momente, in denen man übermüdet ist, es einfach satt hat, das man vor lauter Kleinkram den Überblick verliert. Entscheidend aber ist: Welche innere Grundeinstellung habe ich zu meinem Beruf und meiner Arbeit? Sehe ich einen Sinn in meiner Tätigkeit, oder ist sie nur ein Job, den ich für meinen Lebensunterhalt brauche? Bei der gegenwärtigen Wirtschaftslage mit ihrer großen Arbeitslosigkeit werden viele nicht größere Ansprüche stellen: Sie sind froh, dass sie überhaupt eine Arbeit haben, die einigermaßen entlohnt wird. Auf die Dauer kann das aber nicht befriedigen

Die Antwort des zweiten Mannes in unserer Geschichte zeigt schon eine Dimension auf, die tiefer ist: Die soziale Verantwortung. Er kann die Last des Tages tragen, weil er an seine Familie denkt. Der dritte Arbeiter sieht ein großes Ziel in seiner Tätigkeit. Wenn auch sein Anteil an dem großen Werk nur der ist, Stein für Stein herbeizukarren, ist sie doch wichtig und sinnvoll. Und so kann er die Last und Mühe leichter ertragen.

Als ich diese Geschichte las, dachte ich in erster Linie an die Priester, Prediger, Lehrer und Erzieher, an alle, die den Samen Wortes Gottes aussäen. Meistens sehen sie nicht die Ernte. Sie könnten bei aller Kleinarbeit mutlos und enttäuscht werden, wenn sie das große Ziel aus dem Auge verlieren: Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen am Aufbau des Reiches Gottes. Mit der Gnade Gottes bauen sie Stein für Stein daran.

Pater Damian Meyer

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 22 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Mittwoch, 18.06.2003

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