Jetzt 4 Wochen kostenfrei Tag des Herrn lesen!
Spezial

Wie nahe war an diesem Tag der Tod

Dr. Jürgen Wenske über den 17. Juni in Görlitz

Generalissimus Stalin hatte man im März 1953 in Moskau zu Grabe getragen. Dies geschah jedoch nicht in der DDR. Hier herrschte weiter die Lehre Stalins. Religionsunterricht war in den Schulen verboten. Nichtchristlichen und christlichen Schülern, die sich von der Lehre Stalins öffentlich distanzierten, wurde der weitere Bildungsweg erschwert oder verweigert. Ihre ideologischen Defizite wurden in Abschlusszeugnissen schriftlich beurkundet. Ohne die Zugehörigkeit zur FDJ gab es keine Zulassung zur Ober-, Fach-, Hochschule oder Universität. Und die evangelische Landeskirche Schlesien in der DDR wurde ständig gedrängt den Namen Schlesien abzulegen. Die Beispiele ließen sich fortsetzen.
Am 17. Juni 1953 ging ich dem zweiten Lehrjahr im VEB Waggonbau Görlitz entgegen. Während des Sportunterrichts an diesem Tag sprach sich herum, dass im Werk II gestreikt wurde. Der Streik nahm in der Schmiede seinen Anfang. Der Zug der Streikenden wurde von einem Schmied mit einem großen Schmiedehammer in der Hand angeführt. Er bewegte sich in Richtung Rathaus und Stasi-Gebäude. Wir wurden nach Hause geschickt. Unterwegs begegnete ich vielen erregten Menschen. Sie berichteten, dass die Demonstrierenden bis in das Amtszimmer des Oberbürgermeister vorgedrungen seien und dieser anschließend -begleitet von Schmähungen der Bürger -blutend auf der Straße gesehen wurde. Berichtet wurde auch, dass sich vor dem Stasi-Gebäude eine Menschenmenge versammelt hat. Bei der Erstürmung hatte sich schon erwähnter Schmied seines Schmiedehammers bediente. Görlitzer Fotografen hatten dies alles gefilmt. Sie gerieten in den Verdacht zu den Provokateuren des "Tages X" zu gehören. Aufgrund dieses Verdachtes wurde sie den Ermittlungsbehörden zugeführt und ihr Material beschlagnahmt. Am Nachmittag begab ich mich in die Stadt. Durch die Straßen strömten Menschen, um ihre Solidarität mit den mutigen aufständischen Bürgern zu bekunden. Zwischen ihnen waren -teils noch in Gefangenenkleidung -befreite Inhaftierte. Einige begaben sich in Richtung Bahnhof. Dort hatten sich bewaffnete Sowjetsoldaten und Angehörige der Kasernierten Volkspolizei (KVP) postiert. Die befreiten Inhaftierten liefen ihnen in die Arme. Ich suchte das Gefängnis auf. Die Zellen waren alle geöffnet. In ihnen befand sich kein Inhaftierter mehr. Im Hof und in den Räumen lagen Aktenordner und Schriftstücke, teils zerrissen. Auf dem Platz vor dem Gefängnis befand sich ein Lastwagen, besetzt mit Sowjetsoldaten. Menschen versuchten den Wagen umzukippen. Sie wollten ihrer Wut gegen die sowjetische Besatzungsmacht Ausdruck verleihen. Ein älterer Bürger schlug auf das Fahrzeug und die Insassen mit seinem Stock heftig ein. Plötzlich hörte ich Schüsse. Ich fand Zuflucht in einer Buchhandlung. In diesem Augenblick wurde mir bewusst, wie nah an diesem Tag für jeden Bürger der Stadt der Tod war. Gott sei Dank waren es nur Warnschüsse. Auf dem Obermarkt erwartete mich eine überschaubare Menschenmenge. Viele meldeten sich über einen Lautsprecher zu Wort. Eine kleine Gruppe Vertriebener aus Schlesien intonierten leise das ,,Schlesierlied", hoffend, nach dem Gelingen des Aufstandes in ihrer Heimat wieder Heimatrecht zu erhalten. Am Ende der Kundgebung intonierten die Anwesenden alle drei Strophen des Deutschlandliedes -Ausdruck ihrer Heimatverbundenheit. Gedankenversunken ging ich nach Hause: "Wird der Aufstand gelingen? Wird man sich der marxistisch-leninistisch-stalinistisch geprägten DDR entledigen können? Wie viel Opfer wird der Aufstand fordern?" Am nächsten Tag im Lehrbetrieb waren diese Fragen bereits beantwortet. Vor dem Tor stand ein Panzer. Die Sowjetsoldaten bemächtigten sich eines Lehrlings, weil er unbeabsichtigt eine Bohrwinde in ihre Richtung gehalten hatte. Dank des Einsatzes unserer Lehrmeister kam er wieder frei. Einige Tage später erfuhren wir, dass Görlitzer Katholiken mit aufrechtem Gang, ins Gelbe Elend (ein berüchtigtes Gefängnis in Bautzen) kamen, weil sie den Aufständischen öffentlich Hochachtung bezeugt hatten. Auch der Schmied war abgeholt worden. Sein Schicksal blieb mir bisher unbekannt. Ein Platz in der Nähe des Obermarktes, wo ich die Großkundgebung erlebt hatte, wird laut Stadtratbeschluss -an dessen Abstimmung sich die PDS-Fraktion öffentlich verweigerte teilzunehmen -jetzt Platz des 17. Juni heißen. Dr. Jürgen Wenske

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 0 des 52. Jahrgangs (im Jahr 2002).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Mittwoch, 11.06.2003

Aktuelle Buchtipps