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IV Der Sturm bricht los

Der Aufstand

Die Funktionäre im Ostteil der Stadt sind verunsichert, aber der Ernst der Lage scheint der SED-Spitze am Abend des 16. Juni noch nicht voll bewusst zu sein. Erkennbar wird das während der außerordentlichen Tagung des Berliner Parteiaktivs der SED. Die Reden von Grotewohl und Ulbricht sparen die Ereignisse des Tages aus. Ulbricht macht "feindliche Elemente, die aus Westberlin kamen", für Losungen verantwortlich, die "gegen die Friedenspolitik der DDR gerichtet" seien. Die SED-Kundgebung im Friedrichstadtpalast wird um 21.42 Uhr beendet. Zu dieser Zeit halten die Menschenansammlungen noch an, immer wieder kommt es zu Handgreiflichkeiten und Ausschreitungen. Erst zwischen 23 und 24 Uhr flauen die Auseinandersetzungen ab. Arbeiter einiger Betriebe beschließen, am nächsten Morgen in den Streik zu treten. Um Mitternacht befiehlt das Präsidium der Volkspolizei für den kommenden Tag ab 7 Uhr "volle Alarmstufe". In einer vom RIAS um 22.40 Uhr verbreiteten Ansprache an die Ost-Berliner warnt der Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen, Jakob Kaiser, die Ost-Berliner davor, sich zu "gefahrvollen Aktionen verleiten zu lassen" und bittet sie, "im Vertrauen auf unsere Solidarität Besonnenheit zu wahren".
Die DDR-Behauptung, der RIAS hätte den Aufstand ausgelöst, ist nach Offenlegung neuester Quellen unhaltbar. Als deutlich wurde, wie ernst es die Arbeiter meinten, eilte der amerikanische Leiter des RIAS ins Studio und verdonnerte die Kollegen dazu, die Hörer in der SBZ folgendermaßen anzusprechen: "Versucht nicht, gegen die Russen ...zu kämpfen, provoziert nicht die russischen Truppen, verliert nicht die Nerven." Der Westen, allen voran die Amerikaner, waren nicht im Geringsten an einer Eskalation interessiert.
Egon Bahr, damals Chefredakteur des Senders: "Vier Ostberliner Arbeiter, die am frühen Nachmittag des 16. Juni 1953 im RIAS-Funkhaus ...vor mir und meinen Kollegen standen, trugen uns mit Begeisterung in den Augen den Wunsch vor: RIAS Berlin, dessen Programm fast überall in der Zone gehört wurde, solle zum Generalstreik auffordern. Uns war sofort klar: Das ist unmöglich. Ein Sender unter amerikanischer Verantwortung kann nicht zum Aufstand in der sowjetischen Besatzungszone auffordern. Das sagten wir aber nicht ...Der amerikanische Botschafter ...hatte gefragt, ob denn der Sender RIAS den Dritten Weltkrieg auslösen wolle ...Es war offensichtlich: Die USA waren entschlossen, nichts zu tun, was man im Kreml auch nur im Mindesten als Provokation hätte auffassen können."
Am 17. Juni morgens marschieren tausende Beschäftigte des Stahlwerkes Henningsdorf und mit ihnen Arbeiter der VEB "Bauunion Stalinallee" zum Brandenburger Tor, der Leipziger Straße und auf den Potsdamer Platz. Sie marschieren nicht allein! Mit ihnen marschieren zwei Panzerdivisionen sowie motorisierte Infanterie der Roten Armee in Richtung Stadtmitte.
Bereits seit den frühen Morgenstunden finden überall um Berlin herum Truppenbewegungen statt. Sowjetische Panzer aus dem Raum KönigsWusterhausen rollen auf Berlin zu. Ihr Ziel ist zunächst das politische und militärische Hauptquartier der sowjetischen Besatzungsmacht in Karlshorst. Den Oberbefehl über die sowjetischen Einsatzgruppen übernimmt Marschall Gretschko. In Karlshorst hatten sich bereits in der Nacht auch Ulbricht, Grotewohl, der Chef des Staatssicherheitsdienstes Zaisser und andere Mitglieder des Politbüros eingefunden. Gemeinsam mit der sowjetischen Führung berieten sie den möglichen Einsatz der deutschen Polizei- und Sicherheitskräfte und der sowjetischen Truppen. Da sich ein Großteil der in der DDR befindlichen sowjetischen Militärmaschinerie in Sommermanövern befindet, ist die Besatzungsmacht hochgradig einsatzbereit, so dass die Panzer -mit regelrechten Dreckkrusten übersät -blitzartig und voll gefechtsbereit in den Städten einrollen. In den Morgenstunden des 17. Juni löst das sowjetische Oberkommando erhöhte Gefechtsbereitschaft aus. Parallel wird im Umland von Berlin auch die Kasernierte Volkspolizei (KVP) in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. Ab 10 Uhr bewegen sich sowjetische Einheiten ins Berliner Stadtzentrum. Gegen Mittag beginnen sie im Schritttempo Straßen und Plätze zu räumen. An verschiedenen Stellen kommt es zum Einsatz von Schusswaffen, die gezielt über und dann auf die Massen gerichtet werden. Um 12 Uhr erreichen die Demonstrationen ihren Höhepunkt. Etwa 100 000 Demonstranten beherrschen die Innenstadt und fordern freie Wahlen und den Rücktritt der Grotewohl-Regierung. 3000 Rotarmisten mit Panzern und Panzerspähwagen sowie 10 000 Mann Volkspolizei treten ihnen entgegen. Um 12 Uhr peitschen die ersten Schüsse vor dem Gebäude der Sowjetzonenregierung und über den Potsdamer Platz. Um 13 Uhr wird durch "Befehl des Militärkommandanten des sowjetischen Sektors von Berlin" der Ausnahmezustand verhängt. Während um 14 Uhr die Berliner Fahne auf dem Brandenburger Tor durch Demonstranten gehisst wird, sind ein Toter und 25 Verletzte zu beklagen. Während die Schießereien anhalten, muss die Westberliner Polizei das sowjetische Ehrenmal im Tiergarten vor Demons-tranten sichern. Um 16 Uhr fallen am Potsdamer Platz Schüsse. Demonstranten setzten das Columbushaus in Brand. Um 17 Uhr werden bereits 60 Verwundete in West-Berliner Krankenhäusern behandelt. Krankenwagen stehen in den Ausgangsstraßen der Westsektoren bereit. Carsten Kießwetter

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 0 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Mittwoch, 04.06.2003

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