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Auf zwei Minuten

Alles kann falsch interpretiert werden

von Pater Damian

Pater Damian Meyer Wir alle haben Erfahrung mit Missverständnissen: Das, was ich sagen wollte, kommt beim Hörer ganz anders an, als ich es meinte. Gesten und Zeichen können falsch interpretiert werden. Wie das in der Kommunikation zwischen Einzelnen der Fall sein kann, so auch zwischen Organisationen und ihren Ansprechpartnern, beispielsweise zwischen der Kirche und den Menschen, die sie ansprechen will.
Eine Anekdote aus dem Jahr 1520 erzählt: Ein Theologe und ein Narr wollten sich theologisch verständlich machen. Das Besondere dabei war, dass beide Männer sich lediglich durch Zeichen verständigen sollten. Den Auftakt machte der Philosoph, indem er den Zeigefinger erhob. Er wollte damit seinem Gesprächspartner bedeuten, dass es nur einen Gott gibt. Der Narr jedoch verstand dieses Zeichen anders. Er glaubte, der Philosoph wolle ihm ein Auge ausstechen, und erhob daher zwei Finger, um dem Philosophen zu sagen: "Ich steche dir beide Augen aus, wenn du mich angreifst!" Nun weiß man, wenn man Zeige- und Mittelfinger emporstreckt, spreizt man oft zugleich auch den Daumen. So sah der Philosoph drei emporgestreckte Finger. Er nickte zufrieden, weil er sicher war, dass sein Gesprächspartner ihn richtig verstanden habe. Während er mit dem Zeigefinger auf den Monotheismus anspielte, so hatte nun der als Gelehrter verkleidete Narr (so in den Augen des Philosophen) auf die Trinität verwiesen.
Im weiteren Fortgang des Disputs legte der Philosoph dem Narren jetzt als Zeichen, dass Gott alle Dinge offenbar sind, die flache Hand hin. Bei diesem entstand nun der Eindruck, der Philosoph wolle ihm auf die Backe schlagen, und so schickte er sich an, die Faust zu ballen, um dem Philosophen zu bedeuten, dass er bereit sei, ihm eins auf den Kopf zu geben, falls er dies versuchen sollte. Doch wiederum: Der Philosoph fühlte sich verstanden, denn die Faust, so war er überzeugt, wolle zum Ausdruck bringen, dass Gott alle Dinge in seiner Hand beschlossen hat, während seine Urteile verborgen sind. Und so war der Philosoph der Überzeugung, der Narr habe ihn verstanden. Dabei vermochte dieser von seinem Inhalt nur das Bedrohliche aufzunehmen. Der Pastoraltheologe Reinhold Bärenz, der diese Anekdote in einem seiner Bücher erzählt, schreibt dazu: "Es fällt nicht schwer, diesen Dialog mit dem Verständnisbemühen der Kirche heute in Zusammenhang zu bringen. Will sie sich nicht auch mit Symbolen, Dogmen, moralischen Normen bei den Menschen heute als Lebenshelferin empfehlen? In Wirklichkeit kommt diese Empfehlung bei vielen Zeitgenossinnen und Zeitgenossen ganz anders an. Ihre Botschaft wird häufig missverstanden und sogar auch als Bedrohung empfunden."

Pater Damian Meyer

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 4 des 51. Jahrgangs (im Jahr 2001).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 28.01.2001

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