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Spezial

II "Die Welt ist verwaist"

Stalins Tod oder die Vorgeschichte des 17. Juni 1953

Josef Stalin, der sowjetische Diktator, stirbt am 5. März 1953. Sein mitteldeutscher Statthalter Walter Ulbricht und Genossen sowie die politischen und akademischen Kostgänger des Regimes verfallen zunächst in Lethargie.
"Zwei, drei Tage quälender Sorge, unablässig irrender Gedanke, wie ein Schmerz, den man nicht lokalisieren kann, von Bulletin zu Bulletin ...und dann, frühmorgens ein Anruf. Im Hörer kein Wort. Atmen, ein Schluchzen. Die Welt ist verwaist." In kitschigem und vor Peinlichkeit nur so triefendem Pathos packte Stephan Hermlin, Schriftsteller und Nationalpreisträger der DDR, den Moment, als er vom Tod des georgischen Massenmörders erfuhr. Stalins Tod erschütterte die kommunistische Funktionärs-Clique um Ulbricht und traf sie in einer existentiell schwierigen Lage. Bereits die Eroberung und Besetzung Ost- und Mitteldeutschlands durch "die ruhmreiche Rote Armee" 1944/45 hatte sich als gigantischer Raub- und Beutezug erwiesen, durch den schon bis Juni 1945 riesige Werte an Kultur- und Wirtschaftsgütern in die Sowjetunion verfrachtet wurden. Mit fatalen Folgen für die deutsche Bevölkerung in der sowjetischen Besatzungszone.
Die gesamten Reparationsleistungen der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) an die Sowjets erreichte von 1945 bis 1953 die riesige Summe von 66 Milliarden Mark, darunter allein Warenlieferungen aus der laufenden Produktion der verbleibenden Produktionskapazitäten im Wert von 35 Milliarden Mark.
Mit der Zuspitzung des Korea-Krieges und dem Abschluss des Deutschland-Vertrages begann ab dem 26. Mai 1952 der Ausbau der "Grenzsicherungsanlagen" an der innerdeutschen Grenze. Diese Maßnahmen führten zu einem schlagartigen Anschwellen der Flüchtlingsströme. Im ersten Halbjahr 1953 flohen allein 225 000 Menschen aus der SBZ in den Westen. Kurz vor seinem Tod hatte der "weise Führer" Stalin die deutschen Genossen Anfang 1952 in Moskau auf einen stählernen Kurs eingeschworen: Aufbau des Sozialismus in der SBZ. Als Gegenstaat zur Bundesrepublik wurde in der DDR mit der Abriegelung der Grenze zum Westen, dem Aufbau einer Armee, der endgültigen Gleichschaltung von Verwaltung und Justiz, der Enteignung der Bauern sowie der Konzen-tration der Wirtschaft auf die Schwerindustrie nach sowjetischem Vorbild begonnen.
Als Stalins Nachfolger Nikita Chruschtschow seinen "Neuen Kurs" proklamierte, bedeutete das keine Abkehr von der Generallinie der "Sowjetisierung der DDR", wenngleich die SED-Führung erstmals zugab, dass von ihr Fehler gemacht worden seien, und so Unsicherheit bis hinunter zum einfachen Genossen erregte. Die Verkündung des "Neuen Kurses" durch den Ministerrat am 11. Juni 1953 als Folge eines Politbürobeschlusses vom 9. Juni ging dann auch nicht auf die Frage der Arbeitsnormen ein. Denn finanziert wurde dieser "Neue Kurs" weiterhin und allein durch eine Normerhöhung für die Arbeiter.
Carsten Kießwetter

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 0 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Mittwoch, 04.06.2003

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