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I "Wir wollen Freiheit und Brot!"

Vorbemerkung zum Aufstand des 17. Juni

"Panzer rollen! - Plötzlich erzittern die Bücherregale. Über den Alexanderplatz rollen 30 schwere Panzer, gefolgt von sechs Panzerspähwagen und einer Reihe von LKW, auf denen schwerbewaffnete Rotarmisten mit Stahlhelmen sitzen - Als der letzte Wagen vorbei ist, werden plötzlich Rufe laut, die man gelegentlich anderer Vorgänge in Westberlin und Westdeutschland schon oft gehört hat; einer stößt den Ruf aus und dann schreien ihn plötzlich Tausende laut mit: ,Iwan, go home!'" Neben diesem Bericht des Sonderkorrespondenten des "Hamburger Abendblatt" vom 18. Juni 1953, schockieren Bilder vom Aufstand in Ost-Berlin mit Unterzeilen wie "Die ersten Schüsse sind gefallen: Ein verwundeter Demonstrant aus der Leipziger Straße wird in den Westsektor getragen".
Am 17. Juni 1953 und den Tagen danach schaute die Welt gebannt, teilweise ungläubig und doch voller bangender Hoffnung nach Berlin und auf die Sowjetzone. Denn vor nunmehr einem halben Jahrhundert flammte dort der erste Volksaufstand im Ostblock auf. Eine anfängliche Demonstration der Bauarbeiter an der Ostberliner Stalinallee entwickelte sich zu einer der wenigen demokratischen Massenbewegungen der deutschen Geschichte. In über 560 Ortschaften der DDR kam es zwischen dem 17. und 21. Juni 1953 zu Streiks, Demonstrationen, Protesten und zur Verhängung des Belagerungszustandes durch die sowjetische Besatzungsmacht. Einige Revolten später, wie die in Ungarn, Posen, der Tschechei und Polen, brachten das Kremlreich nicht ins Wanken. Doch der letzte Akt, das Finale der "Zwergendämmerung des deutschen sozialistischen Arbeiter- und Bauernparadieses", wurde 36 Jahre später - am 9. November 1989 - mit dem Niederreißen der Mauer durch das Volk besiegelt. Sichtbar wiederum für die Völker der Welt am Brandenburger Tor im Herzen Berlins, von dessen Höhe am 17. Juni 1953 Horst Ballentin im Kugelhagel russischer Gewehre die Rote Fahne herunterriss.
Die Zentren des Aufstands lagen zwar in Berlin, im mitteldeutschen Industriegebiet, in Großstädten wie Halle, Magdeburg, Leipzig sowie in kleineren Städten wie Görlitz oder Jena. Aber auch auf dem Land kam es zu Protestaktionen. Bitterfeld war einer der Schauplätze, an dem der Aufstand am weitesten fortgeschritten war. Die Forderungen, die das dortige Streikkomitee an die DDR-Regierung telegrafierte, können auch heute noch als die beste Charakterisierung der Ziele des Aufstandes gelten:
"Die Werktätigen des Kreises Bitterfeld fordern:
Erstens: Sofortiger Rücktritt der Regierung, die durch Wahlmanöver an die Macht gekommen ist.
Zweitens: Einsetzung einer provisorischen deutschen demokratischen Regierung.
Drittens: Freie, demokratische, geheime und direkte Wahlen in vier Monaten.
Viertens: Zurückziehung der deutschen Polizei von den Zonengrenzen und sofortiger Durchgang für alle Deutschen.
Fünftens: Sofortige Freilassung der politischen Häftlinge - und Rückkehr aller Gefangenen aus aller Welt.
Sechstens: Sofortige Normalisierung des Lebensstandards ohne Lohnsenkung.
Siebentens: Zulassung aller großen deutschen demokratischen Parteien Westdeutschlands in unserer Zone.
Achtens: Keine Repressalien gegen die Streikenden.
Neuntens: Sofortige Abschaffung der so genannten Volksarmee.
Zehntens: Zulassung der Delegation aus der Ostzone, die eine der westdeutschen Parteien gründen wollen."
Carsten Kießwetter

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 0 des 53. Jahrgangs (im Jahr 2003).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Mittwoch, 04.06.2003

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